Asli Erdogan: Das Haus aus Stein

Das Haus aus Stein von Asl Erdoan

"Das Haus aus Stein" von Aslı Erdoğan ist ein Werk von 100 Seiten voller Poesie, schmerzhafter Poesie. Denn die türkische Schriftstellerin, die seit zwei Jahren auf der Flucht vor dem ach so unabhängigen Gerichtswesen ihrer Heimat in Deutschland lebt, verarbeitet in dem Buch ihre eigenen und die kollektiven Erfahrungen ihrer Mitbürger*innen mit der Gewalt in türkischen Gefängnissen.

Das Buch einer der bekanntesten türkischen Schriftstellerinnen im deutschsprachigen Raum erschien bereits 2009 in ihrer Heimat, also Jahre vor ihrer eigenen Hafterfahrung. Umso erstaunlicher und beeindruckender ist es, wie sehr sie sich in die ehemaligen Häftlinge eines der berüchtigten Gefängnisse Istanbuls, im Buch als "Das Haus am Stein" bezeichnet, hineinfühlt und poetische, geradezu magisch schöne Worte für deren unaussprechlichen Schmerz findet.

Im Vorwort gleich auf Seite 1 heißt es: "Die Personen in diesem Buch sind frei erfunden. Nur das Haus aus Stein ist echt. Nur die Hölle ist echt." Auch dieses Buch ist echt und wahrhaftig ein Lektüremuss für jeden, der die Kraft aufbringen will, über Europa hier und heute nachzudenken.

"Wer kommt schon mit dem Leben davon, wenn er dem Menschen in die Hände fällt!", heißt es gleich mehrfach im Text. "Nichts kommt so schlimm wie befürchtet, sagen manche, aber das sind Leute, die das Menschengeschlecht nicht richtig kennen und meinen, der Schmerz habe einen Anfang und ein Ende. Sie kennen nur vertraute Abgründe, von oben, sind noch nie in den endlosen Strudel des Fürchterlichen geraten", so Aslı Erdoğan auf Seite 66.

Sie ist selbst in den Strudel des Fürchterlichen gefallen. Hat, wie sie schreibt, viele Details vergessen. Kein seltenes Phänomen bei Gefolterten und Gefangenen. Aber wir sind nicht gefangen, wir sollten nicht vergessen, dass ganz Europa erst vor 70 Jahren aus solchen Abgründen hervorgekrochen kam und gerade dabei ist, alten Parolen zu folgen und damit die ewig gleichen alten Abgründe neu zu schaffen.

Penguin Verlag ISBN 9783328600763

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Marko Dinic: Die guten Tage

Immer mehr deutschsprachige Autoren, die ihre Wurzeln im ehemaligen Jugoslawien haben und vor den Balkankriegen nach Deutschland, Österreich oder der Schweiz geflohen sind, verarbeiten ihre Erfahrungen und Traumata in Romanform. Dazu gehört auch der in Wien geborene österreichische Schriftsteller Marko Dinić, der einen Teil seiner Kindheit und Jugend in Belgrad verbrachte.

In seinem Debütroman "Die guten Tage" lässt er seinen Protagonisten 20 Jahre nach den Bombardements auf Belgrad in einem Bus von Wien nach Hause zur Beerdigung seiner Großmutter fahren. Die lange Strecke bietet ausreichend Gelegenheit, über das Leben des jungen Mannes zu berichten, der bereits seit zehn Jahren in Wien lebt, ohne je nach Hause gefahren zu sein. Die Großmutter jedoch liegt ihm sehr am Herzen. Sie hat ihm das Geld gegeben, damit er nach dem Abitur sein Glück im Westen versuchen konnte. Deshalb ist es ihm auch ein Anliegen, an ihrer Beerdigung teilzunehmen.

Er ging aber nicht nur nach Österreich, um der beruflichen Perspektivlosigkeit in seiner Heimat zu entgehen. Vor allem floh er vor seinem Vater, der Enttäuschung seines Lebens. Als Beamter trat der Vater lange als überzeugter Kommunist auf. Mit dem Zerfall der jugoslawischen Republik wechselte er dann aber genau wie seine Brüder auf die Seite der Nationalisten, die von einem "Großserbien" träumten. Wendehals, Verräter - das sind nur zwei Assoziationen die dem Protagonisten im Bezug auf seinen Vater einfallen.

Ein weiterer Grund, die Heimat zu verlassen, waren die Freunde. Sie rutschten nacheinander ab. Drogen und Beschaffungskriminalität prägten ihr Leben. Auch aus dieser Hoffnungslosigkeit wollte sich die Hauptfigur retten. Doch von einer Rettung kann nur bedingt die Rede sein. Er ist gesund und hat Arbeit in Wien. Nach fünf Jahren als Illegaler arbeitete er mehrere Jahre in der gleichen Kneipe.

Aufstieg? Perspektive? Der Protagonist ist in Wien nicht wirklich angekommen und hat Belgrad im Kopf nie verlassen.

In jeder Zeile des Textes spürt man die Verzweiflung und Wut des jungen Mannes über den Mist, den die Generation seiner Eltern angerichtet hat, aber auch über die Verfehlungen der eigenen Generation.

Das Buch ist ein großartiger Kontrast zu Saša Stanišićs Werk "Herkunft", das ebenfalls vom Gehen und Ankommen handelt, aber im Ton sehr viel versöhnlicher klingt.

Paul Zsolnay Verlag ISBN 9783552059115

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Yishai Sarid: Monster

Das Monster der Erinnerung und das Monster in uns - beides steckt im Titel "Monster" des neuesten auf Deutsch erschienenen Romans des israelischen Schriftstellers Yishai Sarid.

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Harald Jähner: Wolfszeit

Zugegeben, ich bin keine große Sachbuchleserin mehr. Aber die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg sind zu wichtig, als das ich mir ein preisgekröntes Sachbuch zum Thema entgehen lassen würde. Immerhin erhielt Harald Jähner für sein Buch "Wolfszeit - Deutschland und die Deutschen 1945 - 1955" den Preis der Leipziger Buchmesse 2019 in der Kategorie Sachbuch.

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Sasa Stanisic: Herkunft

Alle, alle schwärmen vom jüngsten Werk "Herkunft" von Saša Stanišić. Auch ich singe heute ein Loblied und lege euch die Lektüre des Buches ans Herz.

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Amitav Ghosh: Die Flut des Feuers

Wer wissen will, wie sehr das Schicksal einzelner Menschen von der Verflechtung politischer und wirtschaftlicher Interessen abhängt, dem sei die Roman-Trilogie des indischen Autors Amitav Ghosh ans Herz gelegt. "Das mohnrote Meer", "Der rauchblaue Fluss" und nun der letzte Band "Die Flut des Feuers" erzählen die Vorgeschichte und Geschichte des 1. Opiumkrieges zwischen Großbritannien und China, der 1842 in der Abtretung Hongkongs an das Empire mündete. 

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Fuminori Nakamura: Der Dieb

Ab und an muss ich einfach einen Kriminalroman lesen. Wenn dieser dann auch noch so intelligent gestrickt ist wie "Der Dieb" von Fuminori Nakamura, ist die Lektüre eine wahre Freude.

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Petr Stančik: Pérák – Der Superheld aus Prag.

Das Cover von Peter Stančiks Buch "Pérák - Der Superheld aus Prag" mutet dank der Buchgestaltung und Grafik von Francesca Petrarca ein wenig wie eine Graphic Novel an. Doch "Pérák" ist keine Graphic Novel, sondern verarbeitet auf zwei unterschiedlichen Wegen die mündlich überlieferten Geschichten um eine Art Superhelden, namens Pérák.

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Claudia Rikl: Der stumme Bruder

Endlich ist es so weit: Ich darf meine Rezension zum zweiten, heute erschienenen Krimi meiner Freundin Claudia Rikl veröffentlichen. Freundin hin oder her, wenn ich vom Buch nicht überzeugt wäre, würde ich es euch nicht empfehlen.

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Karol Sidon: Traum von meinem Vater

Der tschechische Schriftsteller Karol Sidon hat nur die ersten beiden Jahre seines Lebens mit seinem Vater verbringen dürfen. Als Jude wurde der Vater verhaftet und ermordet. Karols Mutter war keine Jüdin und schaffte es, sich selbst und ihren Sohn durch die Jahre der Shoa zu retten. Happy End? Nicht wirklich. Zumindest lässt das autobiografische Werk von Karol Sidon "Traum von meinem Vater", übersetzt von Elmar Tannert, darauf schließen.

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