Hanya Yanagihara: Ein wenig Leben

Ehrlich gesagt, kann ich mir kaum etwas langweiligeres vorstellen als ein Roman über vier Collegestudenten einer Eliteuni. Bei all den Lobgesängen meiner Bloggerkolleg*innen und der bundesweiten Literaturkritik auf den Roman „Ein wenig Leben“ der US-amerikansichen Autorin Hanya Yanagihara wurde ich denn doch neugierig. Zum Glück!

Willem, Malcolm, JB und Jude teilen sich eine Wohnung im College und schaffen es, ihre Freundschaft über Jahrzehnte aufrecht zu erhalten. Abwechselnd erzählen sie aus ihren jeweiligen Perspektiven, was sie bis zu ihrem Zusammentreffen im Alter von 16 Jahren erlebt haben und wie ihr Leben nach der gemeinsamen Collegezeit weitergegangen ist.

Malcolm wächst in einem reichen Elternhaus auf. Der erfolgreiche Vater wirkt eher bedrohlich als verstärkend. JBs Mutter ist Lehrerin und ermöglicht ihrem Sohn gemeinsam mit den Tanten die teure Ausbildung. Willem, der Sohn eines Rancharbeiters, wächst mit einem behinderten Bruder auf, der früh verstarb. Verantwortung zu übernehmen. ist für ihn selbstverständlich und so wird er der beste Freund vom geheimnisvollen Jude, der als einziger der Freunde lange nichts über seine Kindheit und Jugend erzählt. Jude erhält ein Begabtenstipendium. Tatsächlich scheint er von allen der Begabteste zu sein, obwohl Willem ein berühmter Schauspieler wird, Malcolm als Architekt in der ganzen Welt seine Häuser baut und JB als Maler Erfolge feiert. Jude brilliert als Wirtschaftsanwalt.

Vor allem hinter der glänzenden Fassade von Jude verbirgt sich ein unfassbares Drama. Stück für Stück enthüllt die Autorin die Verbrechen, die am Waisenkind Jude von Vertrauten, Betreuern und Fremden begangen wurden. Es gibt Seiten in diesem Buch, die mir beim Lesen schier unerträgliche Schmerzen bereitet haben.

Dennoch oder gerade deshalb ist es ein wichtiges Buch über die Zerstörungswut von Pädophilen. Es zeigt aber auch eindrücklich, dass für die Opfer von Gewalt und Missbrauch die Taten nie vorbei sind. Es bleibt zu oft das Gefühl übrig, selber Schuld zu sein und es nicht besser verdient zu haben. Diese ungeheure seelische Verletzung, ja Vernichtung, macht der Roman sichtbar.

Wer nicht nur zum eigenen Vergnügen liest, dem kann ich nur die Lektüre als sehr gewinnbringend empfehlen.

Hanser Literaturverlage ISBN 9783446255586

Hinweis: Vielen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar! Die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars hat keinerlei Einfluss auf meine Rezension.

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