Abraham B. Jehoschua: Die Passion des Personalbeauftragten

Abraham B. Jehoschua gehört seit Jahrzehnten zu den ganz großen Autoren der israelischen Literaturszene. Zu Recht, wie auch sein Werk aus dem Jahr 2004 "Die Passion des Personalbeauftragten" zeigt. Die Verfilmung des Buches unter der Regie von Eran Riklis startet am 1. Dezember 2011 in den deutschen Kinos. Ein hervorragender Grund, diesen wichtigen Roman noch einmal zu lesen.

Der Autor nahm den Tod einer Freundin bei einem Terroranschlag zum Anlass für sein Werk. Im Mittelpunkt steht der "Beauftragte für menschliche Ressourcen" eines Bäckereikonzerns in Jerusalem. Schon bei dieser Funktionbeschreibung geht es einem eiskalt den Rücken runter. Nichts könnte so unmenschlich und kalt wirken wie der Titel "Beauftragter für menschliche Ressourcen". Und tatsächlich wirkt dieser Beauftragte wie ein Abziehbild des westlichen Personalmanagers: Kühl, distanziert und völlig uninteressiert am Schicksal seiner Mitarbeiter.

So ist er zunächst genervt und nicht berührt, als eine Mitarbeiterin bei einem Anschlag getötet wird. Tagelang vermisst sie niemand in der Firma und Journalisten fragen empört nach, wie das passieren kann. Wie kann ein Unternehmen so herzlos sein, angesichts dieser Tragödie? Weil in diesem Unternehmen wie überall in der Welt jeder für sich seinen Lebenskampf ausficht. Die Sorgen um die Hausrate, die erlahmende Ehe oder die nächste Karriereleiter sind wichtiger als andere Befindlichkeiten. Zudem war die Tote Gastarbeiterin aus einer entlegenen Provinz der ehemaligen Sowjetunion und weit unter ihrer Qualifikation als Putzfrau engagiert. Wie viel Mitgefühl zeigen unsere reichen Gesellschaften gegenüber den Gastarbeitern, die sich ein kleines Stück vom vermeintlichen Glück sichern wollen?

Quasi als Widergutmachung gegenüber der Toten beschließt die Firmenleitung, dass der Personalbeauftragte die Leiche in ihr Heimatland begleiten soll. Und so beginnt ein aberwitziges "Roadmovie". Auf der langen Reise mit dem Sarg und dem jugendlichen Sohn der Verstorbenen durch das russische Hinterland entdeckt der "Beauftragte für menschliche Ressourcen" seine Menschlichkeit wieder.

Jehoschua gelingt es, unsere Gleichgültigkeit auf melancholische und witzige Weise zugleich bloßzustellen. Was bleibt, ist ein bisschen Hoffnung auf Mitgefühl.

Piper Verlag 2006, ISBN-13: 978 3 492 04709 8

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Veröffentlicht unter Allgemein, Israel, Russland

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