Adam Johnson: Das geraubte Leben des Waisen Jun Do

Nordkorea ist erneut in aller Munde. Weltweit sorgen die irren Drohungen des jungen Diktators für Aufregung. Einen besseren Zeitpunkt für die Veröffentlichung des Nordkorea-Romans und ein fesselnderes Manuskript hätte sich der Suhrkamp Verlag nicht aussuchen können, denn bereits die ersten Seiten in Adam Johnsons Nordkorea-Roman "Das geraubte Leben des Weisen Jun Do" sind unwiderstehlich.

Im ersten Kapitel des Buches lässt der amerikanische Autor die nordkoreanische Propaganda-Maschine zu Wort kommen. Unheimliche Lügenmärchen dringen über die in Nordkorea allgegenwärtigen Lautsprecher in das Bewusstsein der Bevölkerung ein oder doch nicht? Adam Johnson versucht dieser und vielen weiteren spannenden Fragen nachzugehen.

Anhand der Hauptfigur, dem Waisenjunge Jun Do, nimmt uns der Autor mit auf eine Reise durch die tiefsten Tiefen einer abgründigen Gesellschaft und in die Machthöhen des mörderischen Regimes.

Was denken und fühlen Menschen in einem fast vollständig abgeschotteten System? Wie wirken sich der alltägliche Hunger und die ständige Angst vor dem Terror auf die Menschen, ihre Beziehungsgeflechte und ihr Handeln aus? Wie viel Menschlichkeit kann es inmitten einer solchen beispiellosen Unmenschlichkeit geben?

Fast schon märchenhaft kämpft sich Jun Do durch dieses Drama. Obwohl selbst ein Mörder und Entführer bleibt er reinen Herzens, entdeckt die Liebe zu einer Frau und ihren Kindern.

So vereint der Roman zahlreiche Genres. Er ist ein Fantasybuch, wenn er die heldenhaften Überlebenskämpfe der Hauptfigur beschreibt. Er ist ein Liebesroman, wenn es um die innersten Gefühle von Jun Do und Sun Moon oder die ihrer sympathischen Nachbarfamilie geht. Er ist ein Gesellschaftsroman, wenn er gnadenlos die Folterszenen, das Lagerleben und -sterben, die Hungernden und die Entführten beschreibt oder die Entfremdung und Angst zwischen den sich misstrauenden Familienmitgliedern skizziert.

Eines ist das Buch immer: Unbedingt lesenswert für alle, die zumindest gedanklich gerne die eine oder andere Mauer einreißen möchten.

Suhrkamp Verlag Berlin ISBN 9783518464250

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Veröffentlicht unter Belletristik, Nordkorea
2 Kommentare auf “Adam Johnson: Das geraubte Leben des Waisen Jun Do
  1. Yvonne sagt:

    Für mich eine absolute Lese-Entdeckung, die sowohl sprachlich als auch von der Story her absolut besticht. Die 700 Seiten waren im Nu gelesen, so faszinierend und spannend ist die Geschichte um Jun Do, dessen Leben fremdbestimmt wird, bis es nicht mehr das seine ist.

    • Ruth Justen sagt:

      Bisher kannte ich den Autoren auch nicht. Wenn mein Bücherstapel wieder etwas kleiner ist, werde ich mir sicher noch weitere Werke von ihm anschaffen. Er ist übrigens heute mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet worden.

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