Aharon Appelfeld: Der Mann, der nicht aufhörte zu schlafen

Aharon Appelfeld verdankt die internationale Lesergemeinschaft zahlreiche überaus ergreifende Romane über die Shoah. Er hat ein großes Talent, mit wenigen Worten Menschen und Situationen zum Leben zu erwecken. Mit "Der Mann, der nicht aufhörte zu schlafen" lenkt er den Blick auf die Zeit unmittelbar nach der Shoah, auf das Zurechtfinden im Nachkriegseuropa ohne Familie und auf die Gründung des Staates Israel.

Die Hauptfigur Erwin hat als Heranwachsender in den Wäldern Osteuropas überlebt. Nach der Befreiung Europas von der Naziherrschaft wandert er gemeinsam mit Schicksalsgefährten durch Europa nach Italien, um dort auf die Einwanderung nach Palästina vorbereitet zu werden. Die ganze Strecke über müssen ihn die Kameraden tragen. Er schläft und schläft und träumt sich zurück zu seiner Familie. Erst im Vorbereitungslager in Italien erlebt er erste Wachphasen. Dieses Bedürfnis nach Schlaf bleibt auch nach der Landung in Palästina erhalten, allerdings wird es schwächer und er kann weitgehend am Leben der Pioniere teilnehmen. Das beinhaltet auch die Teilnahme an bewaffneten Auseinandersetzungen. Nach einer schweren Verletzung liegt er viele Monate im Krankenhaus und bleibt auch später noch ein Pflegefall.

Was ihn am Leben hält, ist die Macht der Worte. Er will, er muss erzählen. Erzählen von seiner Mutter, seinem Vater und all den anderen, die ermordet wurden. Das ist die einzige Möglichkeit für Erwin mit all der Gewalt, den Verlusten und der Einsamkeit umzugehen.

"Der Mann, der nicht aufhörte zu schlafen" ist ein erneutes Meisterwerk des Israelis Aharon Apellfeld. Wer sich angesichts des israelischen-iranischen Konfliktes die Frage stellt, was macht den Israelis so viel Angst, der findet in dem schmalen Buch einige Antworten darauf. Und er findet gute Gründe, warum wir in Deutschland diese Angst sehr ernst nehmen und Israel zur Seite stehen sollten.

Rowohlt Berlin Verlag, ISBN 978 3 871347320

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Veröffentlicht unter Belletristik, Israel

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