Amin Maalouf: Die Verunsicherten

Der Nahe Osten als ewiger Troubleshooter, als ein Ort vor dem man fliehen kann, der einem aber dennoch nie los und auch nach Jahrzehnten im Exil nicht aus dem Kreislauf der Gewalt entfliehen lässt: Vor diesem Hintergrund spielt der Roman "Die Verunsicherten" des in Beirut geborenen französischen Autors Amin Maalouf.

Adam, Professor für Geschichte in Paris, erhält einen Anruf seines Jugendfreundes Murad. Die beiden hatten sich vor Jahren zerstritten. Nun aber liegt Murad im Sterben und will Adam noch ein Mal sehen. Er bittet seinen Freund, in die Heimat zu kommen, bevor es für ein Treffen zu spät ist. Adam steigt sofort in den Flieger und kommt dennoch nicht mehr rechtzeitig für eine Aussöhnung mit Murad an, der noch in der Nacht seinem Krebsleiden erlag.

Für Adam ist es die erste Begegnung mit seiner Heimat nach 30 Jahren. Als die ersten aus seinem Freundeskreis dem Bürgerkrieg zum Opfer fielen, entschied er sich für die Flucht und fand nie die Kraft, auch nur für ein paar Tage zurückzukehren. Die Reise an Murads Todeslager versetzt ihn in seine Studentenzeit zurück. Eine glückliche Zeit mit vielen Freunden aus den unterschiedlichen gesellschaftlichen Kreisen des Libanon, denn als junger Mann hatte sich Adam fern gehalten von den ethischen, religiösen und politischen Konflikten. Anders sein muslimischer Freund Bilal: Der hatte sich im jugendlichen Überschwang als einer der ersten freiwillig für den Barrikadenkampf gemeldet und nur wenige Stunden überlebt. Bilals Bruder, Nidal, gehört heute zur Gruppe der fanatischen muslimischen Kämpfer, ist aber dennoch offen für ein Gespräch mit dem einstigen Freund des geliebten Bruders. 

Zum Freundeskreis gehörte auch sein verstorbener Freund Murad, der im Laufe des Bürgerkrieges mit den verschiedenen Parteien zu seinem Vorteil geklüngelt und so vom Krieg profitiert hatte. Dieses Taktieren nahm Adam ihm unendlich übel, was zum Bruch der beiden führte. Und natürlich waren Murad und seine Frau darüber zutiefst verletzt. "Er, der Flüchtling, weiß doch gar nicht wovon er spricht. Er musste sich ja nie die Hände schmutzig machen."

Dennoch ist die Witwe froh, Adam zu sehen und wünscht sich ein Treffen aller Freunde. Und tatsächlich trommelt Adam alle zusammen: Die Witwe Tania, die Geliebte Semiramis, Nidal und Naim, dessen jüdische Familie nach Brasilien geflohen war. Auch Albert, Christ und seit Jahrzehnten US-Bürger, schafft es pünktlich in die alte Heimat.  

Doch der Nahe Osten wäre nicht der Nahe Osten, wenn er uns hier ein idyllisches überkonfessionelles Freundestreffen gönnen würde.

Ein starkes Buch, dass tiefe Einsichten in die inneren Konflikte der Freunde gewährt!

Arche Literatur Verlag, ISBN 9783037900610

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Veröffentlicht unter Belletristik, Libanon

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