Amir Hassan Cheheltan: Der Kalligraph von Isfahan

Der Roman "Der Kalligraph von Isfahan" von Amir Hassan Cheheltan beginnt mit einer Trauerfeier im heutigen Iran. Der hochbetagt verstorbene Vater hinterlässt der Familie ein Holzkästchen mit persönlichen Habseligkeiten und Urkunden. Darunter befindet sich der Stammbaum der Familie aus dem Jahre 1850. Die Neugier des Erzählers ist geweckt und er beginnt die Geschichte der Kalligraphen-Familie zu recherchieren.

Laut einer Notiz im Stammbaum, gab es eine geheimnisvolle französische Vorfahrin in der Familie. Des Rätsels Lösung: Marie Petit war Anfang des 18. Jahrhunderts Mitglied einer französischen Delegation am iranischen Hof von König Ludwig XIV. Auf dieser Reise verbrachte sie auch einige Zeit in Isfahan.

Die romantische und schicksalhafte Geschichte der Liebe von Marie Petit und dem Sohn eines iranischen Kalligraphen erfährt der Erzähler aus einem Büchlein "Eigenhändiger Bericht des Enkels des großen Kalligraphen". Der Roman im Roman spielt im Jahr 1722 und enthält die eigentliche Geschichte: Vor den Toren der unter der Herrschaft der persischen Safawiden stehenden Metropole Isfahan lagern afghanische Stammeskrieger. Ihnen eilt der Ruf voraus, besonders fanatische und brutale Gotteskrieger zu sein. Die Stadt und ihre Bewohner sind in Angst und Schrecken versetzt. Während der blauäugige und blonde Enkel des Kalligraphen um sein Überleben kämpft, findet er im Hause seines Großvaters Hinweise auf seine Eltern, die er im Buch im Buch niederschreibt. Der Enkel des Kalligraphen ist wie alle Bewohner in einer der reichsten und prächtigsten Städte seiner Zeit eingeschlossen. Doch auch hier gehen die Nahrungsmittel irgendwann zu Ende. Danach schlachten die Einwohner alles, was vier Beine hat. Später graben sie auch die Leichen aus und plündern die toten Körper am Straßenrand.

Was macht Hunger mit Menschen? Wie unbarmherzig gehen die religiösen Fanatiker vor und wie gnadenlos setzen die Verteidiger der vermeintlich guten Ordnung ihre Ziele durch?

Das sind erschreckend zeitlose Fragen. Nicht umsonst verlegt der iranische Autor Amir Hassan Cheheltan seine Erzählung 300 Jahre zurück. Wer würde ihm im Iran von heute schon diese Fragen stellen und die brutalen Antworten geben lassen?

Psychologisch dicht und sprachlich reich erzählt Amir Hassan Cheheltan seine zeitlos gültige Geschichte.

C.H.Beck, ISBN 9783406683466

 

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Veröffentlicht unter Belletristik, Iran

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