Amitav Ghosh: Der rauchblaue Fluss

Amitav Ghosh gehört zu meinen Lieblingsautoren und so lag sein jüngstes auf Deutsch erschienenes Buch "Der rauchblaue Fluss" sehr weit oben auf meinem Stapel ungelesener Bücher. Allerdings ist es ein sehr dickes Buch und ich zog andere, schmalere Bände vor, bis mich die Nachricht ereilte, dass meine Mutter im Sterben läge. In ihrer Jugend war sie ein Bücherwurm, später eine Gelegenheitsleserin. Tagelang saß ich an ihrem Sterbebett und las ihr Auszüge aus dem Roman vor. Ob mich deshalb das Buch so berührt hat? Sicher! Aber auch, weil es eben eines dieser wunderbaren und bedeutsamen Bücher von Ghosh ist.

Dem indischen Schriftsteller gelingt es erneut literarisch eine ganze Welt, nein ganze Welten, zu erschließen. Im Mittelpunkt des Buches steht der indische Opiumhändler Seth Bahramji in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts. Bahramji stieg aus einfachen Verhältnissen auf. Der illegale Opiumhandel mit China war der schnellste Weg, um sich vom ungeliebten Schwiegervater und dessen Söhnen unabhängig zu machen. Außerdem hatte der Handel den Vorteil, dass die Opiumschmuggler einen Teil des Jahres in China verbringen konnten, wo sie nicht selten zusätzlich ein Familiendoppelleben führten.

Doppelleben und Doppelmoral - das sind die Themen von Ghoshs Roman. Die Briten als treibende und am meisten profitierende Kraft des Opiumhandels hatten keinerlei Skrupel, den Tod von hunderttausenden Chinesen in Kauf zu nehmen. Zuhause im glorreichen Großbritannien war der Opiumhandel natürlich verboten. Inder und Chinesen dienten als Zwischenhändler oder Schmuggler in dem schmutzigen Spiel. Die Beziehungen blieben nicht immer rein geschäftlich. Liebe, Freundschaft und Kinder waren die Folge. Einfühlsam schildert der Autor den Konflikt zwischen den britischen Herrenmenschen, den asiatischen Partnern, den Familienmitgliedern und den chinesischen Behörden, die endlich hart eingriffen, nachdem Millionen Bürger in China an der Drogensucht litten.

Angesicht der jüngsten Brände in den Fabriken Bangladeschs und der Kinderarbeit beispielsweise für unsere besinnliche Weihnachtsschokolade, ist diese 170 Jahre alte Geschichte topaktuell und unbedingt lesenswert für politisch und historisch interessierte Leser.

Ein hinreißend mitreißendes Buch.

Karl Blessing Verlag ISBN 9783641096632

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Veröffentlicht unter Belletristik, China, Großbritannien, Indien

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