Andreas Altmann: Das Scheißleben meine Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend

... ist ein starkes Buch, um sich auf den Heiligen Abend im Kreise der Familie vorzubereiten. Dank an Harald. Ohne ihn hätte ich den autobiografischen Roman "Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend" nicht so schnell entdeckt.

Andreas Altmann erzählt von einer Jugend im miefigen Nachkriegsdeutschland. Umstände, die schon bescheiden genug sind. Wenn die Wiege dann noch in einer Hochburg der katholischen Kirche liegt, bestehen gute Chancen auf einen schwierigen Lebenseinstieg. Denn Altöttingen wird hier als Synonym für Heuchelei und die überbordenden Machtansprüche der Kirche über Körper und Seelen der Gemeindemitglieder verwendet.

Damit nicht genug. Der Vater ist der König der Rosenkranzhändler von Altöttingen und zugleich ein heimgekehrter Nazi. Er lässt all seine Gefühllosigkeit, Ohnmacht und Einsamkeit an seinen Frauen und Kindern aus. Die Mutter ist selbst völlig schutzlos, wird aus dem Haus geworfen und bietet ihren Kindern so oder so keinerlei Schutz. Immerhin kann sie den einen oder anderen Trost verteilen. Nach ihrem Auszug prügelt der Vater fast ein Jahrzehnt auf seine Kinder ein. Er lebt quasi von der Angst, die er verbreitet. Die Stiefmutter unterstützt die sadistischen Neigungen des Vaters und genießt die Bestrafungsszenen.

Erst als 19-Jähriger kann sich Andreas gegen seinen Vater wehren und sich seiner körperlichen Macht entziehen. Die seelische Pein bleibt bestehen, egal wie weit er sich räumlich und zeitlich von ihm entfernt. Aus jeder Seite des Buches schreit das gedemütigte, geschlagene, aber immer ungebrochene Kind heraus: Lasst euch nicht brechen!

Das Buch ist ein kraftvolles Stück deutscher Nachkriegsliteratur. Es ist eine Abrechnung mit der Nazi-Elterngeneration, die selber schwer traumatisiert, die nächsten Traumata verursachte. Der Roman sollte Pflichtlektüre an den deutschen Schulen werden.

Piper Verlag 2011, ISBN 9783492953788

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Veröffentlicht unter Belletristik, Deutschland

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