Andrej Platonow: Die Baugrube

Was geht uns ein russischer Roman aus dem Jahr 1930 an? Sehr viel! Andrej Platonow erlebte als Ingenieur den Umbruch vom Zarenreich in den sowjetischen Arbeiter- und Bauernstaat. Seine Erfahrungen mit der Utopie von einer besseren Gesellschaft, die man auf der Ermordung von Millionen Menschen errichten will, hat er in diesem zeitlos gültigen Roman verarbeitet.

Ein Arbeitstrupp hebt eine Baugrube für ein gemeinproletarisches Haus aus. In diesem Haus soll die neue Gesellschaft in Glück, Frieden und Wohlstand leben. Auf dem Weg zur neuen Gesellschaft müssen noch ein paar Opfer gebracht werden. So sterben die Mitglieder des Arbeitstrupps reihenweise an Unterernährung und Auszehrung.

Gleichzeitig sind sie von ihrer Mission, eine neue, gerechte und bessere Gesellschaft aufzubauen, so überzeugt, dass sie die alte zerschlagen. Buchstäblich. Um die riesige Baugrube herum fallen sie in die Dörfer ein und zwangskollektivieren die Bauern. Die Willigen werden eingegliedert und die anderen erschlagen oder auf andere Art ermordet.

Dennoch zeichnen die Mörder auch menschliche Züge aus. Sie glauben an die bessere Zukunft und halten das kleine Findelmädchen Nastja für ein Symbol der neuen Zeit. Mit ihrem frühen Tod endet das Buch und macht deutlich, wie sehr diese Utopie zum Scheitern verurteilt ist.

Wenn man - wie ich - nicht im real existierenden Sozialismus groß geworden ist, hadert man stark mit der Sprache. Denn Andrej Platonow zitiert immer wieder die Formeln und Sprachhülsen der sowjetischen Parolen. Die Lektüre ist daher stellenweise recht mühsam, aber umso lohnenswerter.

Suhrkamp Verlag Berlin eISBN 9783518747735 

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Veröffentlicht unter Belletristik, Russland, UDSSR
4 Kommentare auf “Andrej Platonow: Die Baugrube
  1. Liebe Ruth, es wird ja im Anhang vieles erklärt. Und die Sprache ist an sich ein poetisches Ereignis – so ging es mir jedenfalls. Ein großes Buch!
    Viele Grüße!

  2. Olaf Gütte sagt:

    Na das ist doch mal wirklich etwas außergewöhnliches Ruth, diese Sprache, diese Dialoge! Dazu kommen die alten Parolen, man fühlt sich gleich in die Zeit der Kindheit zurückversetzt!

    • Ruth Justen sagt:

      Ich kenne die Parolen ja nicht aus meiner Kindheit, aber verstehe bei der Lektüre solcher Bücher viel besser, wie unterschiedlich wir aufgewachsen sind. Klingt banal, aber im Alltag macht man sich das oft nicht bewusst.

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