Angel Igov: Die Sanftmütigen

Gleich zwei Gründe sprechen dafür, Angel Igovs Roman „Die Sanftmütigen“ zu lesen. Erstens: Die Übersetzung des Romans von Andreas Tretner war für den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Übersetzung nominiert. Zweitens: Angel Igov hätte an der Schwerpunktregion 2020-2022 der Leipziger Buchmesse: Common Ground. Literatur aus Südosteuropa teilgenommen.

Der Roman „Die Sanftmütigen“ spielt im Proletariermilieu in Sofia. Emil, die Hauptfigur, wurde von seinen Eltern in die Hauptstadt geschickt, um dem sicheren Tuberkulosetod zu entgehen, dem der Rest der Familie nach und nach zum Opfer fiel. In Sofia trifft er auf eine junge Kommunistin, die ihn in den Widerstand gegen die deutsche Besatzung einführt.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges taucht sie aus dem Untergrundversteck auf und steigt zur Funktionärin auf. In den Kreis der neuen Elite wird auch Emil aufgenommen.

Und so wird der junge Mann zum Ankläger an eines der Volksgerichte nach stalinistischem Vorbild berufen. Schnell zeigt sich, was die schier grenzenlose Macht über Leben und Tod mit dem „kleinen“ Mann macht. Emil spinnt sich ein in ein Netz aus Selbstlügen. Recherchiert vermeintlich tief, ob jemand persönliche Schuld auf sich geladen hat, handelt aber doch vorwiegend aus Rachegefühlen heraus.

Gekonnt nimmt der Autor mal die Perspektive der Täter, der Ankläger, Richter und Vollstrecker ein, mal die Perspektive der Opfer der Volksgerichte, die teils mit dem Nazi-System sympathisiert hatten, teils aus purem Zufall in die Fänge der neuen Herren und Frauen gerieten.

Der Roman ist eine vielschichtige Abrechnung mit den beiden totalitären Systemen, die Bulgarien im 20. Jahrhundert beherrscht haben, und vor allem mit den Menschen, die diese Unrechts-Systeme erst möglich gemacht haben.

eta Verlag ISBN 9783981999860

Getagged mit: , , , ,