Anthony Doerr: Alles Licht, das wir nicht sehen

Der Roman des US-amerikanischen Autors Anthony Doerr „Alles Licht, das wir nicht sehen“ folgt den Lebenslinien zweier Kinder in den 30er- bis 40er-Jahren. Abwechselnd, Kapitel für Kapitel, beschreibt der Schriftsteller die Geschichte der beiden Protagonisten: Werner aus Deutschland und Marie-Laure aus Frankreich.

Werner ist ein begabtes Waisenkind, das gemeinsam mit seiner Schwester in einem kleinen Kinderheim in einer Essener Zeche aufwächst. Sein Talent insbesondere für Radiotechnik bleibt den lokalen Nazigrößen nicht verborgen und so startet er 1940 seine Schullaufbahn in einer der Eliteschulen der Nazis: Schulpforta in Sachsen. Zunächst hält er seine Aufnahme an der Schule für einen Glücksfall, bewahrt es ihn doch vor dem Schicksal seines Vaters, als Bergarbeiter einzufahren und für immer unter Tage zu bleiben.

Bereits während der Ausbildung schleichen sich die ersten Zweifel bei Werner an der Ideologie des Nationalsozialismus ein. Dennoch übernimmt er die von ihm verlangte Aufgabe und spürt für die Wehrmacht im ganzen Besatzungsgebiet Sender von Widerstandsgruppen auf. Bis er im Sommer 1944 in St. Malo entdeckt, dass der örtliche Feindsender von der selben „Radiostimme“ betrieben wird, die ihn und seine geliebte Schwester Jutta als Kinder so magisch angezogen hatte.

Marie-Laure wächst bei ihrem Vater in Paris auf. Aufgrund einer Erkrankung ist sie im Alter von sechs Jahren erblindet. Ihr Vater, ein Handwerker am Naturkundemuseum in Paris, bringt ihr anhand eines Models von ihrem Pariser Viertel bei, sich in der Stadt frei bewegen zu können. Nach der Eroberung der französischen Hauptstadt durch die Wehrmacht, fliehen die beiden zum Großonkel nach St. Malo. Mit im Gepäck: Ein Schatz, auf den es auch ein Mitglied des Einsatzstabes Reichsleiter Rosenberg abgesehen hat.

Anthony Doerr verwebt in seinem Roman die Geschichte zweier jungen Menschen, die auf unterschiedliche Art und Weise von der Diktatur, dem Krieg und dem persönlichen Streben nach Glück herausgefordert werden, mit einer abenteuerlichen Schatzsuche. Auch wenn das stellenweise zu viel für ein Buch ist und es hier und dort kitschige Passagen zu überstehen gilt, lohnt sich dennoch die Lektüre des Buches. Der Roman erlaubt tiefe Einblicke in die Verführbarkeit von Menschen, in ihre Taub- und Blindheit, wenn sie ein Ziel für sich erreichen wollen. Sie zeigt aber auch, wie sehr wir - bewusst oder unbewusst - wissen, wann wir im Recht und wann wir im Unrecht sind.

Verlag C.H.Beck ISBN 9783406667527

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Veröffentlicht unter Belletristik, Deutschland, Frankreich, USA

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