Anthony Marra: Letztes Lied einer vergangenen Welt – Stories

Stories überschreibt Suhrkamp den Erzählband „Letztes Lied einer vergangenen Welt“ des US-amerikanischen Autors Anthony Marra. Tatsächlich fügen sich die einzelnen Erzählungen zu einem vielschichtigen Ganzen zusammen. So erweist sich gleich das erste Buch nach der Blog-Sommerpause als Glücksgriff.

Anthony Marra verbrachte als Student einige Zeit in St. Petersburg. Dort begegnete er stolzen Kadetten einer russischen Militärschule und bettelnden, versehrten Veteranen. Was macht den Unterschied zwischen den beiden Gruppen? Tschetschenien. So lautet die Antwort des Autors, die er in eindrückliche Worte fasst.

In seinem jüngst auf Deutsch erschienenen Buch „Letztes Lied einer vergangenen Welt“ versucht er die gemeinsame Geschichte und Gegenwart von Russland und Tschetschenien seit der Stalinzeit dem Vergessen oder dem retouchierten Erinnern zu entreißen.

Die erste Erzählung des Bandes handelt von Roman Markin, der im Auftrag des Moskauer Ministeriums Mitte der 30er-Jahre Bilder retouchiert. Verhaftete, ermordete oder nur in Ungnade gefallene Menschen werden aus Fotos und Gemälden gelöscht. Wenn sie nirgendwo mehr bildlich auftauchen, wird sie auch niemand vermissen. Oder? Doch er selbst vermisst seinen jüngeren Bruder, der zur Kategorie der Ermordeten gehört. Bis zu seiner eigenen Verhaftung als Verräter malt er seinen Bruder unbemerkt in den jeweiligen Hintergrund der retouchierten Fotos oder Gemälde herein.

Jahrzehnte später, im Jahr 2003, hat der Vizedirektor des Museums für Heimatkunde in Grosny das Bedürfnis, seine Frau und seinen Sohn dem Vergessen zu entreißen. Eines der wenigen Bilder, die den Tschetschenienkrieg überlebt haben und in seinem Museum für Heimatkunde hängen, stammt vom tschetschenischen Maler Pjotr Sacharow-Tschetschenez. Das Werk aus dem 19. Jahrhundert zeigt eine Wiesenlandschaft, ein ländliches Idyll. Ausgerechnet auf dieser Wiese wurden die Frau und der Sohn des Vizedirektors von russischen Bomben im Tschetschenienkrieg getötet. Also malt er seine Familie in das Bild hinein.

In weiteren Erzählungen schildert Anthony Marra das Schicksal von Verbannten in Sibirien, die Entwicklung der ehemaligen Verbannten-Siedlungen seit dem Zusammenbruch des Kommunismus sowie die Zerstörung und den Wiederaufbau des postsowjetischen Tschetscheniens.

Insgesamt entsteht ein Panorama der sowjetischen, der russischen und der tschetschenischen Gesellschaft der letzten 80 Jahre. Trotz der faktenreichen Geschichten steckt das Buch voller Humor. Kategorie: Unbedingt lesenswert.

Suhrkamp Verlag ISBN 9783518744772

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Veröffentlicht unter Belletristik, Russland, Tschetschenien, USA

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