Antonio Ortuño: Die Verbrannten

Seit Monaten gibt es kaum ein anderes Thema in der deutschsprachigen Öffentlichkeit als "Flüchtlinge". Von Strömen, Wellen, Fluten und der Krise ist die Rede. Und im Mittelpunkt steht immer Deutschland, das so viele Migranten aufnimmt und langsam an die Grenzen seiner Belastbarkeit kommt. Wie so oft lohnt sich auch in der Flüchtlingsdebatte ein Blick in die Weltliteratur.

Der mexikanische Schriftsteller Antonio Ortuño, Jahrgang 1976, legt mit "Die Verbranntem" bereits seinen vierten Roman vor. Es ist das erste in deutscher Sprache erhältliche Werk des Autors.

Der Roman spielt in der mexikanischen Provinzstadt Santa Rita. Die Geschichte beginnt mit einem blutigen Überfall auf eine Gruppe zentralamerikanischer Flüchtlinge. Negra, Beamtin der Nationalkommission für Migration (NkM), wird in die Stadt geschickt, um für die Behörde die Überlebenden und Angehörigen zu betreuen. Die Aufklärung des Verbrechens fällt nicht in ihre Zuständigkeit und doch treibt sie ihr Gewissen, immer weiter zu recherchieren.

Für die  zentralamerikanischen Flüchtlinge etwa aus El Salvador oder Guatemala ist Mexiko eine wichtige Durchreisestation auf dem Weg ins gelobte Land USA. Kriminelle Banden in Mexiko nutzen die Notlage der Fliehenden gnadenlos und brutal aus. Raub, Vergewaltigung, Erpressung und Massenmord gehören zum Alltag. Mitarbeiter der Behörden arbeiten eng mit der Mafia zusammen oder sind sogar die örtlichen Bandenführer.

Dennoch ist die Not und Verzweiflung der Menschen in den zentralamerikanischen Ländern so groß, dass sie sich auf die Schlepper einlassen. Ob an Hunger, Hoffnungslosigkeit und den Mafiadrohungen in der Heimat zu sterben, oder auf dem Weg ins vermeintliche Glück, ist fast einerlei. Noch schlechter kann die Lebenssituation nicht werden. Leider belehren die verbrecherischen Strukturen in Mexiko viele Flüchtlinge anders. Hierin ähneln die Flüchtlingsgeschichten denen der aus Afrika flüchtenden Menschen zutiefst.

Für ein paar Stunden reißt die Lektüre des Romans "Die Verbrannten" den warm gebetteten europäischen Leser aus der Selbstgefälligkeit. Wir können nicht alle retten. Aber wahrnehmen, wie viele Menschen im Elend verrecken und dann zumindest leiser über unsere Herausforderungen heulen, das könnten wir sehr wohl leisten.

Verlag Antje Kunstmann, ISBN 9783956140747

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Veröffentlicht unter Belletristik, Mexiko

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