Arno Geiger: Unter der Drachenwand

Wenige Jahre nach dem Ende der Balkankriege erschien ein Roman nach dem anderen, der die Erlebnisse der Bürger mit und ohne Uniform schilderte. 73 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkrieges scheinen sich deutschsprachige Autoren wieder verstärkt mit dem 2. Weltkrieg zu beschäftigen. Arno Geiger wurde 23 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkrieges geboren. Er hat die Gräuel, den Überlebenskampf, das Schweigen im Angesicht des Terrors, die Verzweiflung oder die Hoffnung nicht selbst erlebt. Dennoch hat er mit "Unter der Drachenwand" ein packendes, bewegendes und großes Buch über Menschen in Zeiten des Krieges und Terrors geschrieben.

Im Mittelpunkt des Romans steht der Soldat Veit Kolbe. Schwer verletzt erhält er Heimaturlaub und darf zu seinen Eltern nach Wien reisen. Er hofft, nicht mehr an die Front zurück zu müssen. Seinen Vater, der weiterhin mit Durchhalteparolen glänzt, kann er kaum ertragen. So zieht es ihn zu seinem Onkel an den Mondsee. Dort glaubt er Ruhe für die Genesung zu finden.

Die Bürger von Mondsee sind genauso gespalten wie Veits Familie. Es gibt nach wie vor die Gläubigen, die von Hitler und dem Endsieg überzeugt sind. Andere sind skeptisch, wie der sogenannte Brasilianer. Auch Veit nimmt zunehmend eine Haltung gegen alles Militärische und die Naziideologie an. Er fälscht sogar Papiere, um sein kurzes Glück mit einer jungen, verheirateten Frau festzuhalten.

Kann es ein Glück geben im Angesicht des Terrors? Arno Geiger baut rund um den Soldaten Geschichten von anderen Mitbürgern. Zum Beispiel von Kurt und Nanni, einem Teenagerpärchen, das kein Paar sein soll. Oder vom "Brasilianer", der aufgrund seiner Äußerungen verhaftet wird. Und von einer jüdischen Familie, ebenfalls aus Wien, deren Fluchtgeschichte in Ungarn auf den letzten Metern der deutschen Besatzung endet.

Arno Geiger erzählt Alltagsgeschichten keine Heldenerzählungen. Vielleicht ist es das, was das Buch so bewegend macht.

Carl Hanser Verlag ISBN 9783446259386

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Veröffentlicht unter Belletristik, Österreich

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