Asne Seierstad: Einer von uns

Anders Breivik tötete am 22. Juli 2011 insgesamt 77 Menschen. Sein wichtigstes Ziel: Aufmerksamkeit für seine politischen Ideen zu erreichen. Diese Aufmerksamkeit wollte ich ihm nie geben. Deshalb habe ich mich auch lange geweigert, das Buch der norwegischen Journalistin "Einer von uns. Die Geschichte eines Massenmörders" über die Tat, den Täter und die Opfer zu lesen. Aber am 14. März 2018 werde ich im Gewandhaus zu Leipzig der feierlichen Übergabe des Leipziger Buchpreises zur Europäischen Verständigung an die Autorin beiwohnen. Also wollte ich wissen, was für ein Werk diesen renommierten Preis bekommt.

Asne Seierstad beginnt effektheischend mitten im Massaker auf der Insel Utoya. Diese ersten Seiten sind schier unerträglich. Dennoch bin ich froh, weitergelesen zu haben. Denn die Autorin wechselt Kapitel für Kapitel die Zeit- und Personenebene. Mal berichtet sie aus der Kindheit des Attentäters. Mal erzählt sie die Geschichten einiger Opfer. Ausführlich beschreibt sie die Attentatsvorbereitungen und die Gerichtsverhandlung.

So banal der Titel "Einer von uns" klingen mag, so treffend ist er. Anders Breivik ist ein Mensch, der unter uns aufgewachsen ist. Hätte die Familie, Freunde und Nachbarn die Tat verhindern können? Kaum. Hätten sie sein zunehmend extremistisches Gerede und sein Einsiedlertum ernster nehmen müssen? Das sicher! Wenn man sein Manifest liest, erinnert es schmerzhaft an so manche Rede rechter Politiker. Das Buch bestärkt uns alle, die Augen und Ohren in alle Richtungen offen zu halten und uns stärker einzumischen. Das ist die einzige Möglichkeit, die "Banalität des Bösen" einigermaßen in Schach zu halten.

Was bleibt, ist ein riesig großer Klumpen im Hals: Für die Familien und Freunde der Ermordeten und der Verwundeten ist der 22. Juli 2011 nie zu Ende. Für uns alle gilt, der nächste Attentäter wird versuchen Breiviks Anschlag noch zu übertrumpfen.

Kein & Aber ISBN 9783036993294

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Veröffentlicht unter Belletristik, Norwegen
2 Kommentare auf “Asne Seierstad: Einer von uns
  1. Rike sagt:

    Hmm, das klingt ja dann doch ganz wichtig. Wollte das aus den gleichen Gründen auch nicht lesen. Ich überlege jetzt.. Danke!

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