Astrid Rosenfeld: Adams Erbe

"Es waren Menschen, dass ist das Schlimmste." Das ist die Botschaft von Astrid Rosenfelds Roman "Adams Erbe". Ein zunächst seichter, fröhlicher Roman, der in der zweiten Hälfte eine tiefe Traurig- und Ernsthaftigkeit entfaltet.

Die Geschichte startet im muffigen Nachkriegsdeutschland der 60iger Jahre. Der kleine Eddy lebt mit der passiven, emotionalen Mutter und einer starken, sehr rationalen Großmutter zusammen in der Berliner Familienwohnung. Bis eines Tages ein Mann und Ersatzvater als rettender Engel Mutter und Sohn befreit und ins pralle Leben führt. Leider zeigt sich das Schicksal nicht lange von seiner glücklichen Seite und so streift Eddy ziellos durch sein Leben. Er landet zur Beerdigung seiner Großmutter wieder in der alten Berliner Wohnung. Bis hierher ist der Roman ein leichtes und luftiges Porträt einer überreizten, gedankenverlorenen und gelangweilten Nachkriegsgesellschaft, deren einzige Sorge es zu sein scheint, dass der Spaßfaktor nicht hoch genug sein kann.

Beim Ausräumen der Wohnung findet Eddy ein Buch mit den Aufzeichnungen seines Großonkels Adam, einem jungen jüdischen Mann. Seine Niederschrift beginnt 1938 als er die Liebe seines Lebens traf und verzweifelt versuchte, sie mitten im Massensterben nicht zu verlieren. Er taucht zeitweilig als deutscher Rosenzüchter Anton Richter unter, wechselt aber später auf der Suche nach seiner Anna auf die jüdische Seite zurück. So erhält der Leser Einsicht in die Täter- und die Opferwelt, in Schuld, Mitschuld und Unschuld, die sich auf beiden Seiten zeigt. Die fassungslose Antwort auf das Massenmorden und -quälen für Adam und die geliebte Anna ist: "Es waren Menschen, dass ist das Schlimmste."

Astrid Rosenfeld ist ein bewegendes, erschütterndes und zugleich humorvolles Stück Nachkriegsliteratur geglückt.

Diogenes Verlag AG Zürich, ISBN 9783257862034

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Veröffentlicht unter Belletristik, Deutschland
Ein Kommentar auf “Astrid Rosenfeld: Adams Erbe
  1. caterina sagt:

    Ein beeindruckendes Buch, in der Tat! Angesichts der Fülle an Büchern, die es zu dem Thema gibt, hat mir vor allem gefallen, dass Rosenfeld gelungen ist, eine neue Geschichte mit einem originellen Ansatz zu erzählen. Danke, dass du mir mit deiner Rezension dieses wundervolle Leseerlebnis ins Gedächtnis zurückgerufen hast!

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