Ayelet Gundar-Goshen: Löwen wecken

Der ersten beiden Sätze aus Ayelet Gundar-Goshens neuem Buch "Löwen wecken" gehören zu den schönsten Romananfängen meines Leselebens und so muss ich heute damit einsteigen: "Und er dachte sich gerade, dies sei der schönste Mond, den er je gesehen habe, als er diesen Mann umfuhr. Und als er ihn umfuhr, dachte er im ersten Moment immer noch an den Mond, dachte weiter an den Mond und hörte dann mit einem Schlag auf, als hätte man eine Kerze ausgeblasen."

Der Arzt Etan ist neu an der Klink in Beer Scheva mitten im Negev. Voller Selbstzweifel und -mitleid will er sich eines abends mit der neuen Stelle anfreunden und die Vorzüge der Wüstenlandschaft genießen. Er steigt in sein großes, seiner gesellschaftlichen Stellung entsprechendes, Fahrzeug ein und rast durch die scheinbar menschenleere Landschaft. Doch dann spürt er einen überraschenden Schlag an seinem Auto. Ein Toter liegt auf der Straße. Der Kopf ist offen, das Gehirn läuft aus und mit ihm löst sich das bisherige Leben des Arztes, Ehemannes und Vaters auf.

Wie soll er seiner Frau, die seine einwandfreie Moral immer bewundert hat, gestehen, dass er einen Menschen getötet und liegen gelassen hat? Was würden seine Kollegen im Krankenhaus dazu sagen? Wie würden die Freunde seiner Kinder reagieren?

Warum also nicht schweigen und weitermachen, zumal der Tote ein afrikanischer Flüchtling ist, den eh niemand vermißt. Kann diese Rechnung aufgehen? Vielleicht, wenn da nicht die Witwe wäre, die endlich aus ihrer Ohnmacht aufwacht. Sie benutzt ihr Wissen um die Tat, um sich und ihren Mitflüchtlingen helfen zu lassen.

Zwischen Schuld, Lüge und Selbstbetrug ist Etan schier ohnmächtig eingeklemmt bis - ja bis - die Geschichte erst richtig Fahrt aufnimmt.

Der Psychologin Ayelet Gundar-Goshen ist ein dichtes, ungemein berührendes Werk über das Aufeinanderprallen der ersten und dritten Welt gelungen. Machtmissbrauch und Schuld sind auf beiden Seiten mannigfach vorhanden. Die eigentlichen Katastrophen entstehen aber aus dem Verdrängen, dem Weglaufen vor der Wahrheit. Hinter der großen literarischen Kraft ihres Buches steckt eine starke politische Botschaft, die sich keineswegs nur an die israelische Gesellschaft wendet, sondern eine universelle Bedeutung hat. Das betonte sie auf meine Nachfrage hin in einem Gespräch mit einer Gruppe deutscher Journalisten anlässlich der International Jerusalem Book Fair.

Einziger Wehrmutstropfen aus meiner Sicht: Sie übertreibt bei der anschaulichen Schilderung von Etans Verdauung. Das wirkt aufgesetzt.

Wer noch keine Gelegenheit hatte, die Autorin persönich zu erleben, kann das zur Leipziger Buchmesse nachholen. Sie stellt ihren Roman im Rahmen des diesjährigen Messeschwerpunkts "1965 bis 2015. Deutschland - Israel." vor.

Kain & Aber ISBN 9783 0369 92990

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Veröffentlicht unter Belletristik, Israel
4 Kommentare auf “Ayelet Gundar-Goshen: Löwen wecken
  1. Selten hat mich ein Roman so in seine Fänge gezogen!

  2. Ja, liebe Ruth, wir waren von dem Roman begeistert, aber das ist leider nicht bei allen der Fall. Wie bei allen Büchern gibt es auch hier Leser, die mit der Geschichte einfach nicht warm werden.

    • Ruth Justen sagt:

      Liebe Beatrix, das freut mich, dass es dir gefallen hat! Aber wie du sagst, jedes Buch wird von jedem Leser unteschiedlich aufgenommen. Liebe Grüße Ruth

1 Pings/Trackbacks für "Ayelet Gundar-Goshen: Löwen wecken"
  1. […] gelungen. Machtmissbrauch und Schuld sind auf beiden Seiten mannigfach vorhanden“, heißt es bei Ruth Justen. – „Die Autorin balanciert gekonnt zwischen den beiden Welten. Weisheit, Gefühl und jede […]

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