Boualem Sansal: Das Dorf des Deutschen

Ein junger, erfolgreicher Franzose - Rachel - bringt sich im Herbst 1996 in Paris um. Zwei Jahre lang war er wie aus seiner Welt gefallen, bis er sich das Leben nahm. Sein Bruder Malrich spürt Leben und Tod des Bruders nach. So beginnt der Roman von Nobelpreisträger Boualem Sansal "Das Dorf des Deutschen". Man ahnt am Titel, das die Nazi-Zeit ihr böses Gift auch in diese Geschichte verspritzt.

Die Hauptfiguren des Romans sind Rachel und Malrich, Söhne eines deutschen Vaters und einer algerischen Mutter. Der Vater war im Zuge des algerischen Befreiungskrieges in dem Dorf der Mutter aufgetaucht und galt bis zu seinem Tod als Held des algerischen Befreiungskrieges. Seine Söhne schickt er jeweils im Grundschulalter zu einer Verwandten seiner Frau nach Paris. Sie sollen eine Chance auf eine Zukunft haben. Der ältere Bruder, Rache, nutzt diese und macht Karriere bei einem internationalen Konzern. Der jüngere Bruder Malrich gehört eher zu den Streunern des Viertels. Er findet in Frankreich keine Heimat, obwohl beide die französische Staatsbürgerschaft haben. Die Heimat Algerien ist aber zugleich ein fremdes, unbekanntes Land aus der fernen Erinnerung.

1994 werden die Eltern und dreißig weitere Dorfbewohner von einer islamistischen Terrorbande ermordet. Empört über diese Tat, macht Rachel sich auf nach Algerien. Dort entdeckt er Unterlagen seines Vaters, die dessen Nazi-Vergangenheit belegen. Als Chemiker war er in verschiedenen KZs tätig und wurde nach dem Ende des Dritten Reiches bis nach Algerien geschleust, wo ihm keinerlei Bestrafung drohte. Rachel reist zwei Jahre lang auf den Spuren des Verbrechers durch halb Europa. Er empfindet die Schuld seines Vaters als seine und beschließt, dass er mit dieser Schuld nicht leben kann.

Erst durch Rachels Selbstmord erfährt Malrich aus dessen Tagebuch von den Taten seines Vaters. Auch er braucht Monate und einige Reisen, um den Tod seines Bruders und das Geheimnis seines Vaters einigermaßen verarbeiten zu können. Wie er das macht? Er schreibt ein Tagebuch, dass wir als Roman lesen.

Boualem Salan erweist sich hier als Meister der Literatur. Das Buch ist nicht nur sprachlich ein Gedicht. Auch politisch legt der Autor seine Finger in die Wunde. Wie viele der Täter, der Massenmörder sind davon gekommen und konnten an anderen Orten weiter ihre tödlichen Spuren legen? Wie viel Unterstützung fanden sie in anderen Ländern? Wie groß ist der Einfluss ihrer mörderischen Taten auf die politische Nachkriegsordnung?  Danke an die Nobelpreis-Jury, dass sie 2011 die Aufmerksamkeit des breiten Lesepublikums auf diesen wunderbaren Autoren gelenkt hat.

Merlin Verlag 2011, ISBN 9783875362817

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Veröffentlicht unter Algerien, Belletristik, Deutschland

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