Brit Bennett: Die verschwindende Hälfte

Wer sind wir? Wer entscheidet, wer wir sind? Was von uns können wir unbeschadet zeigen? Diesen Fragen geht die US-amerikanische Autorin Brit Bennett in ihrem klugen und faszinierenden Roman „Die verschwindende Hälfte“, auf Deutsch im Rowohlt Verlag erschienen, nach.

Die Zwillingsschwestern Stella und Desiree wachsen in den 50er-Jahren in Mallard, einem kleinen Ort in den USA auf. Das Besondere an dem Ort: Er wurde von People of Colour gegründet, die auf ihren hellhäutigen Teint besonders stolz waren. Die meisten Bewohner:innen fühlten sich dunkelhäutigen Menschen überlegen, blieben aber gleichzeitig People of Colour, denen Ausbildung und Jobs von der weißen Mehrheitsgesellschaft verwehrt wurde. Mallard ist eine Arte dritte Dimension mitten in einem Land, dass seine Bewohner:innen in „Schwarz“ und „Weiß“ aufteilt.

Als die Zwillinge 1954 mit 16 Jahren die Sackgasse der Kleinstadt hinter sich lassen und nach New Orleans ziehen, beginnen sich die Schwestern auseinanderzuleben. Stella bekommt die Chance eines Bürojobs, wenn sie ihre Herkunft verschweigt. Einfach im Formular „Negroes“ nicht ankreuzen und alle Türen stehen ihr offen. Aus dieser Weglassung wird eine lebenslange Lüge. Sie beginnt ein neues Leben als „Weiße“ – verschwindet komplett aus dem Leben der Zwillingsschwester und der Mutter.

Desiree hingegen heiratet einen Mann mit dunkler Hautfarbe. Ihre dunkelhäutige Tochter Jude erfährt besonders viel Ablehnung in ihrem Leben und verliebt sich als Studentin in den Transmann Reese. Wie Stella eine Generation zuvor, versucht Reese sein Geheimnis zu wahren. Denn Anfang der 80er-Jahre galt Trans* als gesellschaftlicher Todesstoß. Davon sind wir zwar im Jahr 2021 ein wenig entfernt, aber eben nur ein wenig.

Wer sind wir? Wer dürfen wir sein? Wie können wir gegen alle Widerstände sichtbar sein als wir? „Die verschwindende Hälfte“ beantwortet diese Fragen nicht. Wie auch. Es gelingt der Autorin jedoch beim Lesenden Sensibilität für diese wichtigen Lebensfragen zu erzeugen, die alltäglichen Diskrimierungen sichtbar zu machen und dabei einen sprachlich hochwertigen Roman vorzulegen.

Rowohlt Verlag ISBN 9783644005938, übersetzt von Isabel Bogdan und Robin Detje

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