Charles Lewinsky: Andersen

Selten hat mich ein Buch so nachdenklich hinterlassen wie der Roman "Andersen" von Charles Lewinsky. Der Schweizer Autor erzählt die Geschichte des generationsübergreifenden abgrundtief Bösen.

Zu Beginn des Romans liegt der Protagonist im Dunkeln. Er weiß nicht, wo er ist. Er weiß, wer er war: ein Verhörspezialist im Dritten Reich. Seine Erinnerung endet an dem Tag, als er sich angesichts des Sieges der Alliierten mit einer neuen Identität, Damian Andersen, auf den Weg in ein neues Leben machen will.

Allmählich begreift der Held der Geschichte, dass er als Fötus in der Gebärmutter einer Frau liegt. Körperlich ist er auf dem Entwicklungstand des Embryos. Geistig verfügt er über sein gesamtes Wissen seit seiner ersten Geburt 1898 bis zum Jahr seines Untertauchens 1945. Vor allem aber besitzt er bereits im Unterleib seine abgrundtiefe Bosheit und außergewöhnliche Intelligenz.

Nach seiner Geburt im Jahr 2003 entwirft er einen Plan. Bis er etwa 12 Jahre alt sein wird, ist er auf seine "Eltern" angewiesen. Er muss nun mal erst wieder erlernen, zu trinken, zu essen, zu reden, zu krabbeln, zu laufen und zu schreiben. Bis er sich selbstständig versorgen kann und ein Startvermögen beisammen hat, spielt er seiner "Familie" das unschuldige Kind vor.

Interessanterweise gelingt es ihm, seine Umgebung bis zu seinem Verschwinden zu täuschen. Das hat viel mit unserer Gesellschaft und unseren Vorstellungen von Vater, Mutter und Kind zu tun. Niemand kommt auf die Idee, dass ein Kind böse und gewaltbereit seit könnte. Kinder sind maximal in einer Krise, brauchen Begleitung von Psychologen oder Psychiatern, aber böse, nein!

Charles Lewinsky beschreibt die 12,9 Jahre der Schwangerschaft und des Aufwachsens abwechselnd aus der Perspektive des vermeintlichen Vaters und des Kindes. Gerade dieser Perspektivwechsel macht das Buch so lesenswert und über weite Strecken auch sehr amüsant. Denn unsere Vorstellungen vom Zusammenleben, von Moral oder Lebensglück haben sich doch sehr unterschiedlich entwickelt. Auch aus diesem Spannungsbogen bezieht der Roman seine Stärke.

Nagel & Kimche ISBN 9783312006960

Getagged mit: ,
Veröffentlicht unter Belletristik, Schweiz
2 Kommentare auf “Charles Lewinsky: Andersen
  1. Friederike sagt:

    Liebe Ruth,

    ich hatte dieses Buch angelesen, denn Charles Lewinsky ist der Autor meines Lieblingsbuches „Melnitz“, und es dann doch wieder zur Seite gelegt.
    Dank Deines Textes gebe ich diesem Werk noch eine zweite Chance! Vielen Dank dafür.

    Viele Grüße,
    Friederike

    • Ruth Justen sagt:

      Liebe Friederike, hoffentlich gefällt es dir im zweiten Anlauf. „Meinitz“ wollte ich bei seinem Erscheinen auch lesen und dann ist es mir irgendwie weggerutscht. Die Lebenszeit reicht einfach nicht aus für all die interesannten Bücher ;). Liebe Grüße Ruth

2 Pings/Trackbacks für "Charles Lewinsky: Andersen"
  1. […] wie besessen motorische Fähigkeiten übt, um seine Flucht zu planen. Es geht ums Gute und Böse. Ruth liest dieses Buch bereits gelesen und bei mir liegt es ebenfalls schon […]

Schreibe einen Kommentar zu Ruth Justen Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Folgen Sie Ruth liest