Charles Lewinsky: Der Stotterer

Charles Lewinsky zählt zu meinen liebsten Diogenes-Autoren, weil er auf unnachahmliche Weise die Tiefen unserer Seele auslotet. Deshalb konnte ich auch an seinem jüngsten Werk „Der Stotterer“ nicht vorbeigehen.

Der Stotterer sitzt eine Haftstrafe wegen Betruges ab. Er ist ein notorischer Lügner und Betrüger, der darin nicht wirklich ein Verbrechen sieht, sondern eher eine hohe Kunst. Eine Kunst, die er sich angeeignet hat, um zu Hause in seiner eigenen Familie überleben zu können. Denn seine Eltern waren Anhänger eines sektiererischen christlichen Führers, der praktisch alles, wonach sich ein Kind sehnt unter Strafe stellte. Der Anführer der Gemeinde und der Vater führten die Strafen gegen ihre Regeln in Form von körperlicher Gewalt aus.

Aus reinem Selbstschutz eignet sich der Junge die Fähigkeit an, sich mit Worten aus der Affäre zu ziehen. Als Stotterer wählt er die schriftliche Form der Worte und bringt es darin zu einer wahren Meisterschaft. Dennoch fliegt sein Enkeltrick per Brief eines Tages auf und er landet in Haft. Dort versucht er über Briefe den Gefängnispfarrer zu beeindrucken und zu manipulieren. Das gelingt ihm auch zeitweise. Durch die Vermittlung des Pfarrers interessiert sich sogar ein Verleger für die Biografie des Stotterers. Allerdings verstrickt er sich im Gefängnis in die nächsten Verbrechen.

Vordergründig ist „Der Stotterer“ ein Krimi. Ganz nebenbei erzählt der Roman vom Erfinden und vom Erzählen. Charles Lewinsky spielt hier auch augenzwinkernd mit seiner eigenen Rolle als Erzähler: Der Schriftsteller als Lügner, der Lügner als Schriftsteller.

Diogenes Verlag ISBN 9783257609578

Hinweis: Vielen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar! Die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars hat keinerlei Einfluss auf meine Rezension.

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