Christine Wunnicke: Die Dame mit der bemalten Hand

Was hat das mit uns zu tun, wenn sich ein persisch/indischer Astronom und ein deutscher Forschungsreisender im Jahr 1764 auf einer einsamen Insel treffen? Unterhaltsam und klug erzählt Christine Wunnicke in ihrem für den Deutschen Buchpreis 2020 nominierten und mit dem Wilhelm Raabe-Literaturpreis 2020 ausgezeichneten Roman „Die Dame mit der bemalten Hand“ ein Stück Wissenschaftsgeschichte und damit Kulturgeschichte Deutschlands wie Indiens.

Auf der Grundlage der Aufzeichnungen des deutschen Mathematikers und Forschungsreisenden Carsten Niebuhr beschreibt die Autorin die geradezu verzweifelte Suche europäischer Gelehrter nach Wissen. Wie weit liegen beispielsweise in der Bibel erwähnte Orte tatsächlich auseinander? Welche Bedeutung haben diese oder jene aramäische Ausdrücke in der Bibel, die Luther frei Schnauze ins Deutsche übersetzte? Ein Drang zur „Vermessung der Welt“ und der Zwang der gottgleichen Göttinger Professoren bringt eine Gruppe junger europäischer Gelehrter auf nach Arabien, wobei so mancher Umweg sie auch in den Jemen oder Indien verschlägt.

Einer nach dem anderen der insgesamt sechsköpfigen Expedition erliegt den verschiedensten Seuchen. Nur der dänische Bauernsohn Carsten Niebuhr wird vom Fieber nicht getötet, obwohl er oft an der Schwelle des Todes zu sein scheint und in diesen Zuständen auch nicht mehr oder kaum noch seine Umwelt wahrnimmt.

In einer solchen Situation strandet er auf einer einsamen indischen Insel und trifft dort auf den Gelehrten Musa, dessen Wissen das aller ursprünglichen europäischen Expeditionsmitglieder zusammengenommen weit übertrifft. Und das nicht nur, weil er deutlich älter ist, sondern weil ihm europäische Schriften offen standen. So kennt er Kopernikus Werke ebenso wie die Schriften Gallileos.

Umgekehrt weiß Carsten Niebuhr so gut wie nichts über arabische, persische oder indische Wissenschaft oder Tradition. Gleichzeitig bleiben wiederum Musas hochbegabter Tochter zum Bedauern ihres Vaters aus Tradition die Tore zur offiziellen Erkenntnis verschlossen. Andererseits, welche europäische Frau im 18. Jahrhundert hatte Zugang zu universitärer Bildung?

Wie viel mehr wissen wir heute trotz Twitter, Livestreams oder 24-Stunden Berichterstattung über einander? Wie groß sind die Ressentiments heute im Vergleich zu damals?

„Die Dame mit der bemalten Hand“ – der Titel ist übrigens das einzig ärgerliche an dem Buch – hat viele Leser verdient, auch wenn das Buch am Ende nicht mit dem Deutschen Buchpreis 2020 ausgezeichnet wurde.

Berenburg Verlag ISBN 9783946334835

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