Christoph Hein: Verwirrnis

Mittlerweile habe ich eine ganze Reihe von Büchern von Christoph Hein gelesen. Es ist faszinierend, wie er es immer wieder schafft, in der deutsch-deutschen Geschichte ein interessantes Detail zu finden und zu einem Romanstoff zu verarbeiten. "Verwirrnis" sein jüngster, gerade erst veröffentlichter Roman, dreht sich um das Thema Homosexualität in den beiden deutschen Staaten.

Friedeward Ringeling, geboren 1933, wächst in einem streng katholischen Haushalt auf. Ein Missverständnis verhilft seinem Vater Pius in den letzten Tages des Zweiten Weltkrieges zu einem Aktenvermerk als Widerstandskämpfer. Deshalb darf er, trotz seines katholischen Glaubens, auch in der DDR an der Schule unterrichten. In der Nachkriegszeit wird die Prügelstrafe in den Schulen aufgehoben, aber auf die häusliche "Zucht" achtet niemand. So erfahren Friedeward und sein älterer Bruder Hartwig regelmäßige Schläge mit einer Riemenpeitsche. Die Mutter schreitet nicht ein einziges Mal ein. Magdalena, das dritte Kind, gilt als brav und wird vom Vater nie geschlagen. Hartwig entzieht sich dem Machtbereich des Vaters, indem er als Teenager von zuhause flieht und unbekannt verzieht.

Doch Friedeward, der den katholischen Glauben nicht teilt, verinnerlicht dennoch den Gedanken von Schuld und Unreinheit. Er hat es verdient, für seine Schuld bestraft zu werden - glaubt er. Das ist natürlich fatal für ihn und seine Entwicklung. Denn Friedeward entdeckt als junger Mann seine Liebe zum gleichen Geschlecht. Davon abgesehen, dass gleichgeschlechtliche Beziehungen in der DDR bis 1968 strafbar waren und die Gesellschaft damals homosexuelle und lesbische Paare ächtete, gesteht sich Friedeward selber nie das Recht auf seine Sexualität zu. Was folgt, ist ein lebenslanges Versteckspiel.

Sehr gekonnt zeichnet Christoph Hein mit der Figur des Friedewards und seiner Freunde die bedrohliche und beklemmende Situation der Homosexuellen und Lesben in der DDR und der Bundesrepublik Deutschland. Erst 1994 wird der sogenannte "Schwulenparapraph" abgeschafft. Leider kann man Vorurteile oder Schuldgefühle nicht so radikal ändern wie Gesetze! Ganz nebenbei gelingt dem Autoren ein eindringliches Porträt des Unibetriebs der Universität Leipzig zu DDR-Zeiten.

Suhrkamp Verlag ISBN 97839783518758960

Getagged mit: , , , ,
Veröffentlicht unter Belletristik, DDR, Deutschland
Folgen Sie Ruth liest