Darragh McKeon: Alles Stehende verdampft

Im April 1986 wurde ich 22 Jahre alt und konnte das Ausmaß der Reaktorkatastrophe, die sich am 26. April in Weißrussland ereignet hatte, nicht annähernd begreifen. Darragh McKeon war gerade mal sieben Jahre alt, als das Unglück in Tschernobyl seinen Lauf nahm. Umso bemerkenswerter ist sein Debütroman "Alles Stehende verdampft", in dem er die Reaktorkatastrophe und seine Folgen aus der Perspektive verschiedener Zeitgenossen beschreibt.

Die Geschichte beginnt mit der Witwe von Grigori, einem hochangesehenen Chirurgen in Moskau. Er gehört zu den Hilfstruppen, die aus dem ganzen Land zum Ort der Katastrophe beordert werden. Klug und weitsichtig erkennt er die gravierenden Fehler, die bei der Evakuierung und Erstversorgung der Bewohner gemacht werden. Denn niemand war in der Sowjetunion auf ein solches Unglück vorbereitet. Mutig spricht er aus, was er denkt. Doch in der UDSSR darf nicht sein, was ist. Kritik ist unerwünscht. Selbst sein bester Freund Wassili, ebenfalls Arzt und Helfer, rückt daher von ihm an. Die Leitung des Katastrophenschutzes beordert ihn schließlich in die Ambulanz eines Aufnahmelagers. Dort soll er das Sterben lindern bis auch sein Sterben beginnt.

Sein Schicksal streift das des 13-jährigen Bauernsohns Artjom. Der Junge durfte am 26. April zum ersten Mal mit den Männern des Dorfes auf die Jagd gehen. Er ist der erste, der die Veränderungen der Natur wahrnimmt. Rindern läuft Blut aus den Ohren und die Spatzen liegen zu Tausenden tod auf dem Erdboden. Die Familie kann sich die seltsamen Vorfälle nicht erklären, will aber trotz der unheimlichen Ereignisse auf dem eigenen kleinen Hof bleiben. Vergebens. Die Soldaten vertreiben sie von den kontaminierten Böden, nehmen aber die Hilfe der Väter bei den Aufräumarbeiten gern an. Die Männer wundern sich, dass alle Maschinen nach kürzester Zeit kaputt gehen und arbeiten teils mit den bloßen Händen in der verseuchten Erde.

Sinnbild der unsichtbaren Zerstörungskraft der Katastrophe ist die Fahne auf der Ruine. Alle zwei Tage muss sie erneuert werden, weil sie sich vollständig auflöst. Alles Stehende verdampft...

Neben einem großartigen Roman über die Einzelschicksale ist Darragh McKeon eine eindrucksvolle Analyse des sowjetischen Politiksystems gelungen. Dieses System hat mindestens so viel Unglück über die Menschen gebracht, wie die Katastrophe an sich. 

Mehr zum Roman könnt ihr auf Mareike Fallwickls Blog Bücherwurmloch lesen. Von Mareike habe ich auch den Tipp für dieses wunderbare Buch bekommen. Vielen Dank, Mareike!

https://buecherwurmloch.wordpress.com/2015/12/19/darragh-mckeon-alles-stehende-verdampft/

Ullstein Buchverlage ISBN 9783843711821 

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Veröffentlicht unter Belletristik, UDSSR, Weißrussland

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