Das Debüt 2018

69 Bücher mit insgesamt 18.277 Seiten hat die Redaktion des Literaturblogs "Das Debüt" in diesem Jahr durchgelesen, um die fünf aus ihrer Sicht besten deutschsprachigen Debüts für den Bloggerpreis "Das Debüt 2018" zu nominieren. Janine Hasse, Sarah Jäger und Dr. Bozena Anna Badura haben es uns Jurymitgliedern in diesem Jahr mal wieder schwer gemacht, denn alle fünf Shortlist-Titel greifen relevante Themen auf. Allerdings überzeugt mich nicht jede der fünf literarischen Umsetzungen.

David Fuchs: Bevor wir verschwinden

Am Anfang der Lektüre hat mich die Stakkato-Sprache des Romans "Bevor wir verschwinden" von David Fuchs irritiert. Erst allmählich begriff ich, dass die Zeit drängt, die Zeit der beiden Protagonisten, die sie miteinander haben. Benjamin ist ein junger Arzt, der neben seinem Krankenhausdienst auf der ontologische Station in einem Versuchslabor mit Schweinen arbeitet. Als er seinem Jugendfreund Ambros auf der Krebsstation begegnet, flammt ihre alte Liebe noch einmal auf. Die Stakkatosprache passt perfekt zu dem schnellen Tempo, in dem aus einen glücklichen Wiedersehen ein tragischer Tod wird. Dabei trägt eine gleichermaßen abgeklärte und doch empathische Stimmung den Roman. Das macht das unausweichliche Ende der Lebens- und Liebesgeschichte für den Leser erträglich und lässt das Buch noch lange nachhallen und ist daher mit fünf Punkten mein Favorit für den Bloggerpreis "Das Debüt 2018".

Haymon Verlag, ISBN 9783709934333

Bettina Wilpert: Nichts, was uns passiert

Mit Bettina Wilperts Roman habe ich beim Lesen am meisten gekämpft. Als Frau fällt es mir grundsätzlich schwer über Vergewaltigungen zu lesen. Gerade die literarische Qualität des Romans machte es mir noch schwerer, die Geschichte auszuhalten. Denn schnell wird klar, dass diese Form der Vergewaltigung im Bekanntenkreis, die am schwersten juristisch und menschlich zu fassende ist. Das Opfer kennt den Täter, hatte bereits früher Sex mit ihn, trägt keine Zeichen von Gewaltanwendung und geht erst nach Wochen zur Polizei. War das überhaupt eine echte Vergewaltigung? Diese Frage steht immer wieder im Raum. Für Anna beginnt nach der Anzeige gegen Jonas ein Spießrutenlaufen. Drei Punkte für die Autorin, der es gelingt, in die Seelen von Anna und selbst von Jonas zu kriechen und ihre Gedanken sowie Gefühle in Wörter zu gießen.

Verbrecher Verlag ISBN: 9783957323071

Marie Gamillscheg: Alles was Glänzt

Marie Gamillschegs kurzer Roman spielt in einer Kleinstadt in den Bergen, die als Kulisse für eine der vielen Heimat-Soaps des ZDF herhalten könnte. Wenn da nicht der Riss im Boden wäre, der vom drohenden Zusammenbruch des Berges kündigt. Natürlich von Menschenhand gemacht, denn jahrhundertelang schürften die Menschen Erz tief aus dem Berg. Das drohende Unglück wirkt sich bereits auf die Gegenwart aus. Immer mehr Bewohner verlassen die Kleinstadt oder harren vor Ort vor Schreck gelähmt aus. Nur Merih, der Regionalmanager aus der großen Stadt, der ein Umsiedlungsprojekt vom Land in die größeren Siedlungen realisieren soll, erhofft sich ausgerechnet in dem todgeweihten Ort einen Neuanfang. Psychologisch dicht erzählt die Debütantin diese melancholische Geschichte, von der Zeitbombe der Natur, die für uns alle tickt. 1 Punkt für dieses Werk.

Luchterhand Literaturverlag ISBN 9783630875613

Verena Stauffer: Orchis

Ein besonders poetisches Debüt ist der österreichischen Autorin Verena Stauffer gelungen. Feinfühlig erzählt sie die Geschichte des jungen Botanikers Anselm, der sich in seinen Forschungsgegenstand, die Orchidee, verliebt hat. Obwohl oder weil er noch nicht so viele Arten dieser Pflanze persönlich gesehen hat, denn der Roman spielt zur Zeit der Opiumkriege im 19. Jahrhundert, als es noch wenig Informationen über die Vielfalt der Orchideen und ihr Vorkommen in der Welt gab. Anselm folgt den Gerüchten um große Vorkommen der Pflanze auf Madagaskar. Auf der Rückreise verliert er einen Großteil seiner Sammlung und landet in einer Heilanstalt für Nervenkranke. Nach seiner Entlassung findet er dank seines Vaters eine Stelle als Gastdozent, die ihn aber wenig befriedigt, weil er sich nicht nur um Orchideen kümmern darf. Ein Gerücht reicht, um seinen Forschungstrieb erneut zu wecken und so landet er schließlich wieder im Niemandsland zwischen Wahn und Wirklichkeit. Trotz der wunderbar poetischen Sprache landet die Geschichte bei mir auf den hinteren Plätzen, da die Sprache die schwache Geschichte nicht wettmachen kann.

Verlag Kremayr & Scheriau ISBN 9783218011044

Christian Y. Schmidt: Der letzte Huelsenbeck

Landauf und landab erhielt dieser Roman gute Kritiken von Kulturredakteuren, auf deren Urteil ich viel Wert lege. Dennoch konnte mich dieses Buch so gar nicht überzeugen. Der Autor baut ein Verwirrspiel um seinen Protagonisten Daniel (59) auf, der als Mann in der Midlife-Krise nach Jahrzehnten im Ausland nach Deutschland zurückkehrt. Das Buch beginnt mit der Beerdigung seines Jugendfreundes Viktor. Gemeinsam mit zwei weiteren Freunden bildeten sie als junge Männer die "Huelsenbecks", eine Gruppe von künstlerisch-intellektuellen Provokateuren. Oder waren sie eher aggressive Spinner, wie manche der ehemaligen Weggefährten Daniel zu verstehen geben? Und wie war das mit der gemeinsamen USA-Reise? Was ist dort passiert, dass alle darüber schweigen? Oder hat sie möglicherweise gar nicht stattgefunden? Auf amüsante Weise versucht Christian Y. Schmidt der Frage nach unterschiedlichen Erinnerungen an tatsächliche oder vermeintliche Ereignisse unseres Lebens nachzugehen. Leider fand ich den Roman so gar nicht amüsant, sondern enervierend langweilig. Um die Hälfte der 400 Seiten gekürzt, hätte aus der Grundidee vielleicht eine interessante Lektüre werden können.

Rowohlt Verlag ISBN 9783737100243

Veröffentlicht unter Belletristik
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