Das Debüt 2019

Fünf gänzlich unterschiedliche Werke hat das Team von „Das Debüt“ 2019 auf die Shortlist gesetzt und uns Jurymitglieder gebeten, uns diese fünf Bücher einmal genauer anzuschauen. Wie immer reichten die Leseerfahrungen von begeistert (5 Punkte) bis gruselig (1 Punkt). In jedem Fall war es eine Freude, erneut Bücher zu lesen, die ich wahrscheinlich ohne die lieben Kolleginnen und Kollegen gar nicht wahrgenommen hätte.

5 Punkte für

Nadine Schneider: Drei Kilometer, Jung und Jung, ISBN 9783990272367

Gehen oder bleiben – das ist die Frage, die sich die drei Freunde Misch, Hans und die Ich-Erzählerin Anna im Roman „Drei Kilometer“ der jungen Autorin Nadine Schneider in den wenigen Monaten vor der Maisernte bis zum Sturz des rumänischen Diktators Ceauşescu im Dezember 1989 permanent stellen. Ihr Dorf liegt nur drei Kilometer von der Grenze Jugoslawiens entfernt. Eine Flucht ist nur möglich, wenn die Maisfelder hoch stehen, also im Spätsommer jeden Jahres. Fluchtgründe gibt es viele, aber eben auch das Risiko erwischt zu werden und natürlich die Menschen, die man nicht mit in das neue Leben nehmen kann. „Drei Kilometer“ ist ein inhaltlich wie sprachlich großartiges Debüt, ein eindringlicher Roman über das Eingesperrtsein und seine Folgen für die Seele.

4 Punkte für

Angela Lehner: Vater Unser, Hanser Berlin, ISBN 9783446262591

Eine junge Frau wird gefesselt in die Psychiatrie eingeliefert und erklärt beim ersten Gespräch mit ihrem behandelnden Psychiater, sie habe eine Kindergartenklasse erschossen. Ein starkes, temporeiches Buch ist Angela Lehner in ihrem Roman „Vater unser“ gelungen. Was ist wahr und für wen ist es wahr? Wer ist irre? Die da drin oder die da draußen? Auch nach dem Ende der Lektüre kann ich es nicht sagen. Aber während der Lektüre hatte ich großen Spaß mit der rotzfrechen Protagonistin, der für immer auf Opfer machenden Mutter und dem coolen Psychiater.

3 Punkte für

Katharina Mevissen: Ich kann dich hören, Verlag Wagenbach, ISBN 9783803142450

Dieser Roman hinterlässt mich ratlos. Die Passagen um den Cellisten Osman Engels sind ausgesprochen stimmig geschrieben und erlauben einen tiefen Einblick in seine deutsch-türkische Identität, aber auch in seine Probleme mit dem Leben als Musiker. Doch dann findet er ein Diktiergerät mit Tracks einer jungen Frauenstimme. Immer wieder wird Osmans Geschichte durch sein Abhören der Tracks also den bruchstückhaften Erzählungen einer Fremden namens Ella durchbrochen. Diese kurzen Tracks aus einem anderem Leben geben ihm Halt. Warum auch immer. Mir erschließt sich die Bedeutung dieser eingeschobenen Geschichten für Osmans Leben in keiner Weise.

2 Punkte für

Martin Peichl: „Wie man Dinge repariert“, edition atelier Wien ISBN 9783990650110

Die ersten 30 Seiten des Romans strotzen vor scheinbaren Belanglosigkeiten des Ich-Erzählers über seinen jeweiligen Beziehungsstatus mit einer On-OFF-Partnerin sowie kurzen Schlenkern in seine Kindheit. Entsprechend unstrukturiert hüpft der Autor von einem Erinnerungssplitter in den nächsten. Zum Glück bleibt es nicht dabei. Von Kapitel zu Kapitel entwickelt das Buch einen Sog, der vor allem von einzelnen wunderschönen und klugen Sätzen herrührt. Die Strukturlosigkeit durchzieht das Buch und geht mir bis zum Schluss auf die Nerven.

1 Punkt für

Ana Marwan: Der Kreis des Weberknechts, Otto Müller Verlag, ISBN 9783701312719

Wie es dieses Buch auf die Shortlist des Bloggerrpeises „Das Debüt“ 2019 schaffen konnte, ist mir ein Rätsel. Leider fallen mir zu dem Werk nur drei Adjektive ein: geschwätzig, belanglos, überflüssig.

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