Dave Eggers: Zeitoun

Im Sommer 2005 waren die Nachrichten voll mit Bildern aus der überfluteten Stadt New Orleans. Die Naturgewalten hatten jegliche Form von Zivilisation hinweggefegt. Den Medienberichten zufolge beherrschten Diebe und Mörder die in der Stadt eingeschlossenen Menschen. Einziger Hoffnungsschimmer, so das Bild der Menschen an den Bildschirmen der Welt, schienen die Truppen in den verschiedenen Uniformen der Polizei, der Armee oder privater Unternehmen zu sein. Ein ganz anderes Bild zeichnet Dave Eggers in seinem Roman „Zeitoun“. Er schildert die Erlebnisse von Abdulrahmen Zeitoun. Aus Syrien in die USA eingewandert, lebte Abdulrahmen seit Jahrzehnten in New Orleans. Er hatte sich dort ein kleines Bauunternehmen aufgebaut und bewohnte mit seiner Frau und den vier Kindern ein eigenes Haus.

Als sich die Nachrichten über eine anstehende Naturkatastrophe verdichteten, nahm die Familie die Bedrohung durchaus ernst. Kathy und die Kinder verließen die Stadt, um sich bei Verwandten in Sicherheit zu bringen. Abdulrahmen blieb in der Stadt. Aus Angst vor den verheerenden Auswirkungen schon kleiner Schäden an seinem Haus oder seinen Mietshäusern und aus Angst vor Plünderungen wollte der Familienvater vor Ort sein und sich um sein Hab und Gut kümmern.

Zunächst erweist sich sein Aufenthalt auch als gute Idee. Er kann reagieren, als sich die Flut als weitaus mächtiger zeigt, als gedacht. So räumt er das Erdgeschoss leer und stopft erste kleinere Löcher, die der Sturm Kathrina in das Dach geschlagen hat. Zudem kann er die Hunde in der Nachbarschaft füttern, die von ihren Besitzern allein in den Häusern zurückgelassen wurden. Mit seinem Kanu gelingt es ihm sogar Menschen in Lebensgefahr zu retten oder anderen zu helfen, medizinische und sonstige Hilfe zu erlangen. Abdulrahmen fühlt sich in den Stunden der Not von den in der Stadt verbliebenen Menschen gebraucht, was ihm ein gutes Gefühl gibt, trotz der Gefahren, die er sehr wohl sieht. So begegnet er zahlreichen zwielichtigen Gestalten, von denen er sich versucht fernzuhalten.

Seine Situation ändert sich schlagartig, als er gemeinsam mit drei anderen Männern, die sich in eine Art Notgemeinschaft in der überfluteten Stadt gefunden hatten, verhaftet wird. Alle vier werden von den schwer bewaffneten Einsatzkräften wie Terrorristen behandelt. Dass er und einer der Männer Muslime sind, macht sie in den Augen der Verhörer und Bewacher nur noch verdächtiger. So weit so schlecht.

Sie werden in einem provisorischen Gefängnis im Bahnhof von New Orleans festgehalten. Als Bauunternehmer ist Adulrahmen schnell klar, welchen Aufwand die Behörden betrieben haben, um dieses riesige Gefängnis im Katastrophengebiet zu bauen. Warum investieren die Behörden hierein so viel Kraft und so wenig in die Hilfe für die im Stadion eingeschlossen Menschen? Warum darf keiner von ihnen einen Telefonanruf machen? Auch nach der Verlegung in ein ordentliches Gefängnis ist Ihnen die Kontaktaufnahme mit anderen Gefangenen nicht erlaubt. Warum werden die in New Orleans Verhafteten von den Mitgefangenen isoliert? Wieso dürfen sie ihre Familien nicht informieren? Warum nimmt man ihnen alle für selbstverständlich erachteten Grundrechte der amerikanischen Verfassung?

Dave Eggers spürt den Antworten nach und zeichnet das Bild einer paranoiden Gesellschaft, die unter dem tatsächlichen oder vermeintlichen Druck ihre Spielregeln über Bord schmeißt und ihre Bürger komplett entrechtet. Es ist ein erschreckendes Szenario, dass gerade unter den Eindruck des Ausspähwahns der NSA extrem bedrückt und den Leser sehr nachdenklich zurücklässt.

Kiepenheuer & Witsch, ISBN 9783462306699

 

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Veröffentlicht unter Belletristik, Syrien, USA

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