David Albahari: Heute ist Mittwoch

Der Titel des in diesem Frühjahr auf Deutsch erschienenen Romans „Heute ist Mittwoch“ von David Albahari klingt harmlos. Doch das Buch des serbischen Schriftstellers entpuppt sich schnell als Werk mit Tiefgang und Relevanz weit über die Grenzen seines Landes hinaus.

Der Roman beginnt an einem Mittwoch in Belgrad. Ein Mann wohnt gemeinsam mit seinem pflegebedürftigen Vater zusammen, der an der Parkinsonschen Krankheit leidet. Spaziergänge sollen dem Kranken helfen, den Verfall so weit wie möglich hinauszuzögern.

Jeden Tag machen sich Vater und Sohn daher auf den Weg. Das klingt, als ob sie dem Bild einer heilen Familie entsprechen. Doch das Gegenteil ist der Fall. Der Sohn und seine Schwester haben den Vater immer als Tyrann empfunden. Dass sich der Sohn so intensiv um den erkrankten Vater kümmert, stößt daher bei seiner Schwester auf großes Unverständnis. Dennoch hat der Sohn das Bedürfnis nach Nähe zum Vater und gleichzeitig ekelt er sich vor ihm.

Auf einem der Spaziergänge begegnen sie einem Mann aus der Vergangenheit des Vaters. Etwas bricht im Vater auf und so erzählt er Stück für Stück von der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Vater war damals Mitglied der kommunistischen Partei und nahm an Säuberungen teil. Mit viel Grausamkeit ging er gegen Bauern, Großgrundbesitzer und sonstige Feindbilder vor. Doch als Tito sich von Stalin und der Sowjetunion abwandte, ging er mit der gleichen Grausamkeit gegen die sogenannten Stalinisten vor. Auch der Vater wird als Stalinist denunziert und landet auf der „Nackten Insel“ dem wohl berüchtigtsten Straflager Jugoslawiens. Der Vater sticht selbst als Gefangener mit seiner Skrupellosigkeit und Grausamkeit hervor.

Wie umgehen mit der großen Schuld, die der Vater auf sich geladen hat? Ist sie abgetragen durch das Unrecht, das auch ihm widerfahren ist? Kann man als Kind einen Mörder und Gewalttäter lieben? Kann es sein, dass sich der Vater in die Demenz flüchtet, um nicht weiter über seine Vergangenheit und damit über seine Schuld zu reden? Wie weit prägen die Grausamkeiten des Jahrhunderts auch die nachkommenden Generationen?

Der Roman lässt viele Fragen offen, die uns alle als Nachfahren von Tätern/Opfern beschäftigen. „Heute ist Mittwoch“ wird daher noch lange bei mir nachhallen.

Schöffling & Co. Verlagsbuchhandlung ISBN 9783895614293

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