Deniz Ohde: Streulicht

„Streulicht“ heißt der viel gepriesene und für den Deutschen Buchpreis 2020 nominierte Debütroman von Deniz Ohde. Auch ich kann mich den Lobeshymnen nur anschließen.

Irgendwo in einer Arbeitersiedlung einer westdeutschen Großstadt wächst die Erzählerin des Romans auf. Ihre Mutter floh vor der traditionellen Frauenrolle ihrer türkischen Heimat nach Deutschland und heiratete dort einen deutschen Arbeiter. Die Ironie des Schicksals: Auch ihrem deutschen Mann fügt sie sich. Die Erzählerin lernt von Kindheit an sich zu ducken und unsichtbar zu machen, wenn die Eltern lautstark streiten und so manches Glas in der elterlichen Wohnung zerschlagen wird.

Einen gewissen Trost findet sie beim erblindeten Großvater, der in der Wohnung unter ihrer lebt. Als Teenager begehrt die Erzählerin auf. Aus dem lieben Mädchen wird eine aufmüpfige Tochter, die von der Schule abgeht und erst über Umwege als Erwachsene wieder zur Bildung als Ziel findet. Es ist aber nicht nur die Verweigerungshaltung der Teenagerin, die ihr das Schulleben schwer macht. Es ist vor allem ihr sogenannter Migrationshintergrund. Dabei ist das Mädchen in der westdeutschen Stadt geboren und aufgewachsen. Dennoch reicht eine Mutter, die in einem anderen Land geboren wurde, um als Fremde eingestuft zu werden. Eine Fremde, der man einfach nicht die gleichen Schulleistungen zutraut wie den „Biodeutschen“. Gleichzeitig kann im Bewusstsein der Lehrer ein Arbeiterkind nicht gleich intelligent und begabt sein wie ein Akademikerkind. So machen ihre Freunde Sophia und Pikka ganz selbstverständlich Abitur, obwohl sie auf den gleichen Feten abhängen wie die Erzählerin. Letztere ist es aber, die über Selbstermächtigung erst den Realschulabschluss und dann das Abitur mit Bestnote schafft. Sie ist es auch, die als Einzige den Ort der Kindheit verlässt, und zwar zum Studium.

Unter Bildungsexperten schon lange kein Geheimnis mehr, schildert Deniz Ohde aus der Sicht des Teenagers und der erwachsenen Frau, welche ungeheure Bedeutung der familiäre Hintergrund auf den Bildungserfolg und den Werdegang hat.

Ein wahrhaft berührender Roman, der zwar nicht mit dem Deutschen Buchpreis 2020 ausgezeichnet wurde, aber den ZDF aspekte-Literaturpreis 2020 erhielt.

Weitere Besprechungen findet ihr hier:

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Suhrkamp Verlag Berlin ISBN 9783518753491

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  2. […] Mit „Streulicht“ hat Deniz Ohde ein tolles und wichtiges Buch über die deutsche Gesellschaft vorgelegt. Die Protagonistin des Romans hat ein doppeltes Handicap: Sie kommt aus einer armen Familie mit Migrationshintergrund. Eine Leben lang wird sie gegen diese Benachteiligung ankämpfen. Sprachlich dicht geschrieben, wünsche ich mir in den kommenden Jahren mehr Bücher aus dieser vielversprechenden Feder. Warum ordne ich sie dennoch „nur“ auf Platz 2 des Debütpreises ein? Weil Lucia Leidenfrost mit ihrem Roman mein Herz noch viel stärker berührt als es Deniz Ohde vermag. Mehr zum Buch… […]