Dörte Hansen: Altes Land

Angesichts der vielen Flüchtlingsboote im Mittelmeer greift Dörte Hansen mit ihrem Roman "Altes Land" ein hochaktuelles Thema auf. Hildegard von Kamcke und ihre kleine Tochter Vera stehen eines kaltes Tages im letzten Kriegswinter 1944/1945 vor dem Tor von Ida Eickhoffs Bauernhof im Alten Land.

Die Bauersfrau ist wenig begeistert, den beiden verlausten Gestalten ein Dach über den Kopf zu gewähren und ihr Essen mit ihnen zu teilen. Hildegard hingegen will überleben und ihrer Tochter ein Überleben ermöglichen. Der ständige Kampf zwischen den beiden Frauen geht zunächst zugunsten Hildegards aus. Denn Idas Sohn Karl kehrt aus dem Krieg zurück und verliebt sich in die Fremde. Sie heiraten und dem Glück der kleinen Familie scheint nichts im Weg zu stehen. Allerdings findet Ida einen Weg den Familienfrieden für immer zu stören und Hildegard findet schliesslich eine bessere Partie. Gemeinsam mit ihrem neuen Mann bekommt sie eine Tochter Marlene, die wiederum zwei Kinder hat: Anne und Thomas.

Vera bleibt bei ihrem Stiefvater Karl auf dem Hof und führt ein sehr einsames Leben, bis Anne mit ihrem kleinen Sohn Leon bei ihr Zuflucht sucht, weil Leons Vater sie verlassen hat.

Alle Frauen der Familie haben große Schwierigkeiten, Gefühle zu zeigen. Sie wirken stellenweise kalt bis eisig. Eine Eisschicht läge über ihnen, die noch aus der Eiseskälte des letzen Kriegswinters herrühre, so die These des Romans. Stück für Stück streut die Autorin das Grauen der Flucht in verträglichen Einzeldosen in die Geschichte ein und macht so das über die Generationen reichende Trauma des tausendfachen Sterbens des 2. Weltkriegs bis in die Jetztzeit deutlich. Gleichzeitig gelingt es ihr, eine kleines, amüsantes Sittengemälde der heutigen Helikopter-Elterngeneration zu zeichnen.

Ein sehr lesenswertes und vielschichtiges Buch, speziell für Leserinnen.

Knaus Verlag in der Verlagsgruppe Random House, ISBN 9783641152390

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Veröffentlicht unter Belletristik, Deutschland

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