Donal Ryan: Die Gesichter der Wahrheit

Irland ist für die meisten von uns die grüne Insel, die uns Butter, Käse und Milch von glücklichen Kühen und Schafen liefert. Irland entwickelte sich in den 90er Jahren aber auch als Standort internationaler Unternehmen, die einen europäischen Sitz brauchten, um ihre Produkte und Dienstleistungen günstig innerhalb der EU vertreiben zu können. Zusätzlich bot Irland internationalen Investoren irrwitzig niedrige Steuern an. Zunächst schien die Rechnung der Regierung aufzugehen: Es entstanden massenweise Arbeitsplätze auf der Insel und die Bürger glaubten an ihre Zukunft. Sie investierten ihrerseits in Immobilien und gründeten Unternehmen. Doch dann schlug 2008/2009 die Finanzkrise zu. Und genau hier setzt Donal Ryan an. Er lässt unter dem Titel "Die Gesichter der Wahrheit" 21 Bürger im Nachkrisemodus zu Wort kommen.

Das Buch spielt in einem kleinen Ort in Irland. Zu Beginn erzählt Bobby Mahone, ehemals Vorarbeiter einer Baufirma, seine Geschichte. Bobbys Chef hat in den guten Jahren keine Sozialabgaben für seine Mitarbeiter abgeführt. Keine Abgaben, kein Arbeitslosengeld. Dennoch gilt Bobbys größter Hass nicht seinem ehemaligen Chef. Sein Hass gilt seinem Vater, einem scheinbar gänzlich gefühllosen Kleinbauern, der - wie der Sohn hofft - im Sterben liegt. Bobby gehört zu den wenigen Bewohnern des Ortes, die sich mit eigener Kraft aus der Arbeitslosigkeit befreien wollen. Er versucht, eine eigene Firma gründen. Doch als sein Vater erschlagen aufgefunden wird, fällt der Verdacht sofort auf ihn.

Auch Kate hofft, mit Engagement aus der Krise zu kommen. Sie gründet einen Kindergarten, den sie aber nach einer Kindesentführung aus ihrer Einrichtung schließen muss. Jeder Hoffnungsschimmer scheint sich gleich wieder in eine düsteren Himmel zu verwandeln. 

Bleibt die Liebe? Nein. Zu schwierig gestaltet sich der tägliche Kampf. Selbst die Paare scheinen nichts mehr für einander zu empfinden. Alle versuchen, den hohen Schulden zu entkommen, das Haus vor der Zwangsräumung zu bewahren oder die überteuert gekauften Häuser irgendwie zu Ende zu bauen - das sind die wichtigsten Lebensziele.

Aber die Familien halten doch zusammen? Auch das kann man so nicht sagen. Nur Realtin und ihr Dad stützen sich gegenseitig. Durch den Rest der Familien zieht sich ein Graben zwischen den Generationen. Eltern, die ihre Kinder nicht lieben können. Kinder, die ihre Eltern verachten, weil sie die Vorteile der Boomzeiten nicht genügend genutzt haben. 

"Die Gesichter der Wahrheit" beleuchten nicht nur die Realität der Post-Finanzkrise. Sie zeigen vor allem die Fratze des Menschen, sich in guten oder schlechten Zeiten immer noch ein Stück über den Nächsten erheben zu wollen. 

Eine düster mahnende Lektüre.

Diogenes ISBN 9783257607185

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Veröffentlicht unter Belletristik, Irland

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