Dorit Rabinyan: Wir sehen uns am Meer

Der Roman „Wir sehen und am Meer“– erzählt von der israelischen Autorin Dorit Rabinyan – schlug schon vor seinem Erscheinen in deutscher Sprache hohe Wellen. Das Bildungsministerium in Israel nahm letztes Jahr seine bereits erteilte Zustimmung zurück, die Liebesgeschichte zwischen einer jüdisch-israelischen Übersetzerin und einem muslimisch-arabischen Künstler aus Ramallah auf die Lektüreliste israelischer High-Schools zu setzen. Es hagelte im In- und Ausland Proteste gegen die Entscheidung. Zumal namhafte Autoren wie Amos Oz sich von dem Werk beeindruckt zeigten. Ist das Buch die ganze Aufregung wert? Das Buch vielleicht nicht, das Thema schon.

„Wir sehen uns am Meer“ schildert eine Liebesgeschichte zweier junger Menschen aus dem Nahen Osten, die sich im New York zufällig begegnen und verlieben. Doch von Anfang an schweben über dieser Liebe sämtliche Konfliktebenen, die der Nahe Osten bereithält.

So glaubt Liat, dass ihre Eltern sich einen jüdischen Schwiegersohn und jüdische Enkel wünschen. Sie traut sich nicht einmal, mit ihren Eltern über ihre Beziehung zu sprechen. Zudem kennt sie Gerüchte über jüdische Frauen, die ihren christlichen oder muslimischen Männern in die besetzten Gebiete gefolgt sind. Frauen würden dort angeblich grundsätzlich unterdrückt und jüdische erst recht.

Für Chilmi ist es wiederum ein Problem, eine Vertreterin der Besatzungsmacht zu lieben. Hinzu kommen die ganz praktischen Herausforderungen. Chilmi hat keine israelische Staatsangehörigkeit. Ramallah gehört zu den Palästinensischen Autonomiegebieten. Für Bewohner der Palästinensischen Autonomiegebiete ist es sehr schwer, eine Einreisegenehmigung nach Israel, geschweige denn eine Arbeitserlaubnis für Israel, zu bekommen. Also selbst wenn die beiden zu ihrer Liebe zuhause stehen wollten, stünden diese bürokratischen Hindernisse vor einem Zusammenleben.

Wer sind wir? Wie viele sind wir? Welche Indentität nehme ich als die bestimmende an: die des Nahen Ostens, die israelische, die palästinensische, die jüdische, muslimische oder christliche oder die der Liebenden? Vielleicht gibt es aber doch die Möglichkeit, sich mit mehreren Gruppen zu identifizieren?

Liat und Chilmi entscheiden sich jeweils für die von ihren Familien vorgegebene Identität und beschließen, ihre Liebe in den gemeinsamen Monaten in New York zu genießen und sich als Paar am Tag von Liats Abreise zu trennen. So ganz gelingt ihnen das nicht. Sie bleiben bis zum verhängnisvollen Ende in Kontakt.

„Wir sehen uns am Meer“ ist insofern ein wichtiges Buch, weil es die Aufmerksamkeit auf die private Ebene des Nahost-Konflikts lenkt. In dieser Weltregion entscheiden die sichtbaren wie unsichtbaren Grenzen massiv über die eigenen Lebenswirklichkeiten. Ob wir einen deutschen oder niederländischen Pass haben, ist für unser Schicksal weitgehend egal. Zwischen dem israelischen Pass und dem Ausweis der Palästinensischen Autonomiegebiete liegen hingegen Welten.

Gleichzeitig spürt man in jeder Zeile des Buches das Bemühen der Autorin, nur ja „politisch korrekt“ zu schreiben. Political correctness heißt in dem Falle, dass die jüdische Seite engstirnig, ängstlich und voller Vorurteile gezeigt wird. Die arabische Familie bleibt seltsam blass. Sie dient als Stichwortgeber, um die furchtbaren Folgen der Besatzung zu zeigen. Wie aber denkt die Familie über eine jüdische Schwiegertochter und was würden die Nachbarn sagen? Würde die Hochzeit mit einer jüdischen Israelin nicht einem Verrat gleich kommen? Darüber erfährt man zu wenig. So bleibt die Geschichte zu oberflächlich und wird den Tiefen des jeweiligen persönlichen Dilemmas und den schwierigen Realitäten in und um Israel nicht gerecht.

Dennoch wäre es gut gewesen, wenn sich jüdische wie arabische Schüler in Israel ein eigenes Bild vom Buch und seinem Thema hätten machen können. Die so wichtige Frage nach der Identität: Wer bin ich? - Jude, Muslim, Israeli oder Palästinenser ist zu vielschichtig und wichtig, um darüber zu schweigen. Gleiches gilt übrigens für die Schüler in den Palästinensischen Autonomiegebieten. Die Diskussionen der Schüler untereinander oder mit ihren Eltern über die Macht der Liebe auch in Zeiten von Krieg und Terror – die hätte ich gerne gehört und sie könnte ein Grundstein für die wie auch immer geartete gemeinsame Zukunft sein.

Doch bevor wir wieder Steine auf die offizielle israelische Politik werfen, sollten wir uns unsere eigene Bildungspolitik anschauen. Okay, es gibt keine deutsche Bildungspolitik, sondern 16 verschiedene Lehrpläne. Meines Wissens nach steht zumindest auf der Lektüreliste der sächsischen Abiturienten kein Werk zum Thema doppelte Identitäten, obwohl dieses Thema gerade in Zeiten von Flüchtenden, Pegida und Diskussionen um doppelte Staatsbürgerschaften höchst aktuell ist und es gibt eine ganze Reihe wichtiger Schriften in deutscher Sprache dazu. Also Schweigen über gesellschaftliche Realitäten können wir privat wie öffentlich in Deutschland auch sehr gut. Leider!

Kiepenheuer & Witsch ISBN 9783462316285

Getagged mit: , ,
Veröffentlicht unter Belletristik, Israel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Folgen Sie Ruth liest