Dragan Velikic: Jeder muss doch irgendwo sein

Zahlreiche Schriftsteller, die noch im ehemaligen Jugoslawien geboren wurden, haben ihre Erfahrungen mit dem Zerfall des sozialistischen Staates und den darauf folgenden Balkankriegen literarisch verarbeitet. Sie zeichnen die Brüche und Narben der Individuen, der Familien und der Gesellschaft eindrücklich nach. Nahtlos reiht sich der autobiografisch stark inspirierte Roman „Jeder muss doch irgendwo sein“ von Dragan Velikić in diese Tradition ein.

Der serbische Autor nimmt die Demenzerkrankung seiner Mutter zum Anlass, über sein Leben und die Prägungen durch seine Mutter zu reflektieren. Ein Abschied, der den Umweg über die Erinnerung nimmt.

Foto für Foto, Notiz für Notiz, Wohnort für Wohnort von Belgrad über Rovinji nach Pula folgt er den Spuren seiner Mutter auf ihrem Lebensweg. Ganz nebenbei eröffnet er damit auch einen Blick auf den Vielvölkerstaat und seine Konflikte sowie die Zeit des sozialistischen Umbruchs mit ihren Verbrechen.

Seine Mutter ordnete ihr Leben strikt und führte minutiös über ihr Leben Buch. Nichts wurde dem Zufall überlassen. Nichts entging ihrer Kontrolle. Mit dieser Ordnung und Strenge versuchte sie sich vor allem, was ihr Angst machte, zu schützen. Sie schützte sich aber am Ende damit vor dem Leben und der Lebensfreude. „Die Welt war schließlich nicht zu unserem Vergnügen erschaffen worden“, wie Dragan Velikić schreibt.

Der Sohn führt ein Leben als Künstler, in der Ordnung und Kontrolle keine Schlüsselworter sind. „Denn Ordnung ist nichts anderes als die Abwesenheit des Lebens. Ein Triumph des Grabes“, so Dragan Velikić. Aber in einem Punkt ist er doch sehr von der Mutter geprägt. Ihre Verachtung für das Vulgäre hat er übernommen und überträgt sie auf die Heerschaaren von Touristen, Fernsehguckern und Smartphonenutzern, deren Verblödung er als grenzenlos wahrnimmt.

Ein sehr persönliches und berührendes Buch, das tiefe Einblicke in die menschliche Seele und die Geschichte des Balkans erlaubt.

Hanser Berlin im Carl Hanser Verlag München ISBN 9783446256316

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Veröffentlicht unter Belletristik, Schweiz

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