Edgar Selge: Hast du uns endlich gefunden

Normalerweise greife ich nicht zu Büchern von Schauspieler:innen. Warum? Weil Mehrfachbegabungen selten sind. Ausnahmen bestätigen die Regel. Schauspieler Edgar Selge verfügt sehr wohl über schriftstellerisches Talent. Zudem hat er in seinem Debütroman „Hast du uns endlich gefunden“ wirklich etwas zu erzählen: über eine Kindheit im Nachkriegsdeutschland und einen sensiblen, sich selbst verhärtenden Jungen.

„Für meine Brüder“ lautet die Widmung von Edgar Selges Debüt. Vier Brüder hatte Edgar – Werner, Martin, Rainer und Andreas. Nur zwei werden ihn über Jahrzehnte begleiten. Rainer wird als Kind von einer Granate, die er beim Spielen gefunden hatte, getötet. Andreas stirbt mit 18 an einer Krankheit. Die großen Brüder Werner und Martin sind Edgars „Tor zur Welt“, wie er schreibt. Denn die Eltern, Signe und Edgar, leben noch sehr in den engen Gedankengrenzen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Der Vater war Militärrichter im Dritten Reich und hält auch nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges nicht alles für falsch, was zwischen 1933 und 1945 geschehen war.

Es ist dieser braune Mief der Nachkriegszeit mit seinen engen Grenzen von Gut und Böse, von guten und von schlechten Völkern, unter denen der junge Edgar leidet. Zwar schimmert im gesamten Buch immer wieder die Liebe zu beiden Elternteilen durch, aber eben auch die körperlichen wie seelischen Verletzungen, die sie dem Kinde antun.

Um sich Freiräume wie Kinobesuche zu schaffen, lügt er und stiehlt kleine Geldbeträge von Eltern oder Brüdern. Immer wieder wird Edgar für seine Lügen und kleinen Gelddiebstähle vom Vater mit Prügel bestraft. „Du musst zuschlagen. Das ist Zwang. Du musst die Welt in Ordnung bringen. Wenn der erste Schlag gesessen hat, ist mir der zweite so sicher wie das Amen in der Kirche. Die Erfolglosigkeit deines Zuschlagens steigert deinen Zorn. Irgendetwas stirbt in mir. Warum stehe ich nicht auf und gehe?“, heißt es auf Seite 124. Und nur zwei Seiten weiter kommt die Ambivalenz der Gefühle zum Ausdruck: „Ich will meinen Vater schützen. Ich will ihn nicht auf eine Stufe mit seinem Vater stellen. Keiner soll denken, er sei brutal. Mein Vater ist kultiviert, musikalisch, belesen. Ich bin stolz auf ihn. Ich will ihn nicht fallen lassen.“

Sein Vater, der Gefängnisdirektor, liebt die Musik. Spielt selber jeden Tag Klavier. Die Mutter spielt Geige und alle Kinder lernen oder müssen ein Musikinstrument spielen lernen. Werner wird sogar Berufsmusiker. Aber all das ändert nichts an der Gefühllosigkeit der Eltern gegenüber ihren Kindern und ihren Wünschen. Autorität, Bestrafung bei Zuwiderhandlung, das Schlechte ausmerzen – das hat oberste Priorität bei der Erziehung.

Was bleibt, ist eine lebenslange Prägung des sensiblen Kindes oder wie es Edgar Selge in seinen Schlusssätzen ausdrückt: „Ich verweigere ein Gefühl. Das weiß ich. Ich mache mich hart. Und das fühle ich bis heute. Bis jetzt. Das geht nicht weg. Es ist mein Wesen, Andreas, ich bin so. … Bereue ich es, dass ich mich so hart gemacht habe? Ja, natürlich bereue ich das. Ich bereue das, solange ich lebe. Möchte ich ein anderer sein als der, der ich bin? Nein. Möchte ich nicht. Ich will bleiben, der ich bin.“

„Hast du uns endlich gefunden“ ist ein sehr reifes Zeugnis für die Aussöhnung mit den eigenen Eltern, aber auch mit sich selbst. 

Rowohlt Verlag ISBN 9783498001223

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