Elena Ferrante: Die Geschichte des verlorenen Kindes

Der vierte Band der neapolitanischen Saga von Elena Ferrante übertrifft all meine Erwartungen. In "Die Geschichte des verlorenen Kindes" kommt noch mehr als in den ersten drei Bänden die Vielschichtigkeit der Themen zum Tragen.

Elena Ferrante erzählt bekanntlich in vier Bänden die Geschichte zweier Freundinnen aus einem verrufenen Viertel Neapels in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Dabei schildert sie nicht nur brilliant die schwierige Beziehung der beiden hochintelligenten Freundinnen zwischen Liebe und Ablehnung, Bewunderung und Verachtung. Beide Frauen sind keine Heiligen, verletzen sich gegenseitig und hängen doch lange voneinander ab. Beide erleben ungeheure Tiefpunkte in ihrem Leben. Beide haben es beruflich weit gebracht, sich aus Armut und vor allem aus der ständigen Bedrohung durch die örtlichen Mafia herausgearbeitet. Beide haben sich als Frauen befreit von übermächtigen Männern, denen sie sich zunächst untergeordnet hatten. Gleichzeitig sind sie nie wirklich von dem Viertel und dem gesellschaftlichen Geflecht losgekommen.

Die Saga gewährt tiefe Einblicke in das alltägliche Wirken der Mafia, die keine anonyme Organisation ist, sondern aus Nachbarn und Klassenkameraden besteht. Elena Ferrante zeigt, wie schwer es ist, sich nicht mitschuldig zu machen beim Spiel der Mafia auf Leben und Tod.

Ebenso interessant ist ihr Erzählstrang zu den politischen Strömungen der 60er bis 90er Jahre. Wie wird aus einer kommunistischen Grundeinstellung für eine gerechtere Gesellschaft ein mörderischer blutiger Extremismus? Warum schützten Familienmitglieder aus falschverstandener Solidarität die Mörder? Warum entwickeln sich andere aus Freiheitskämpfern zu genau den korrupten Politikern, vor denen sie in der Jugend schreiend weggelaufen sind?

Der Leser erfährt darüber hinaus viel über die Geschichte der Emanzipation, das anfangs fehlende Selbstbewusstsein der Frauen und die alltäglichen Schwierigkeiten Beruf und Kinder unter einen Hut zu bekommen. Und natürlich ist die sexuelle Befreiung ein großes Thema für die Autorin. Die Männer in der Saga nehmen sich alles, was immer sie wollen. Die Frauen hingegen brauchen Jahrzehnte ihre Recht wahrzunehmen und im Umfeld durchzusetzen.

Auf einer weiteren Ebene gewährt die Autorin Einblicke in ihre Arbeit als Schriftstellerin, in die moralischen Zwickmühlen, wenn man über nahestehende Menschen schreibt und sie damit der Öffentlichkeit preisgibt. Schreibt man aus reiner Eitelkeit oder aus Chronistenpflicht?

All das macht auch den vierten Band zu einem spannenden Leseerlebnis.

Suhrkamp Verlag ISBN 9783518425763

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Veröffentlicht unter Belletristik, Italien

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