Elif Shafak: Ehre

"Ehre" ist ein Begriff, unter dem wir uns in den sogenannten westlichen Ländern kaum noch etwas vorstellen können. Der Begriff wirkt, als ob er aus der Zeit gefallen sei, und dennoch verbirgt sich dahinter eine aktuelle Idee.

Die türkischstämmige Schriftstellerin Elif Shafak erzählt in ihrem jüngst auf Deutsch erschienen Roman "Ehre" die Geschichte einer kurdischen Familie, die Anfang der 70er-Jahre von Istambul nach London zieht, um ihr Glück zu machen. Doch die Eltern schleppen ihre teils düsteren Familiengeschichten und -prägungen auch in die neue, verheißungsvolle Heimat mit.

Der Vater Adem findet in London schnell eine Fabrikarbeit, während seine Frau Pembe die drei Kinder großzieht. Alles könnte also gut sein, wenn da nicht die Spielsucht des Vaters wäre, an der die Familie zerbricht. Adem zieht zu seiner Geliebten, sodass Pembe sich eine Arbeit suchen muss, um die Kinder und sich zu ernähren.

Mit der Bürde der Alleinerziehenden geht auch eine neues Selbstbewusstsein einher. Pembe lernt den 16 Jahre älteren Elias kennen und lieben. Eine Liebe, die auf Gegenseitigkeit beruht, aber verheimlicht wird. Denn Pembe wohnt in einem Viertel mit mehrheitlich muslimischen Immigranten, für die Begriffe wie Ehre und Schande sehr aktuell sind.

So baut sich ein Klima des Misstrauens gegenüber Pembe im Viertel und in der Verwandtschaft auf.  Gleichzeitig kämpft ihr 16-jähriger Sohn Iskander mit sich und seiner neuen Rolle als Familienoberhaupt. Er fühlt sich gedrängt, das Problem zu lösen und seine Mutter auf den rechten Pfad der Tugend zurückzubringen. Zu einer offenen Aussprache kommt es nicht, denn die Familie pflegt, wie seine Schwester später analysiert: "Die Wahrheit in Schleier zu hüllen, sie so tief in die Normalität zu vergraben, das man sich nach einer Weile kaum selbst mehr daran erinnern kann." So kommt es zur Katastrophe, dem sogenannten Ehrenmord an der Mutter. Iskander sitzt 12 Jahre Haft für seine Tat ab. Mit seiner Entlassung beginnt die Erzählung.

Was die Tat aus allen Beteiligten macht, wie sehr die Seelen der Überlebenden von dem Mord beschädigt werden, das schildert die Autorin in höchst eindrücklicher und bewegender Weise.

Ehre ist ein starker, zutiefst berührender, Roman über den Zusammenprall der Kulturen und dem Menschen im Mühlrad seiner selbst.

Kein & Aber, ISBN 9783036956763

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Veröffentlicht unter Belletristik, Großbritannien, Türkei

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