Elif Shafak: Unerhörte Stimmen

„Ihr Name war Leila“, mit diesen Worten beginnt die in London lebende türkischstämmige Autorin Elif Shafak ihren Roman „Unerhörte Stimmen“. Zumindest für die Leser dieses Buches sollte es danach keine unerhörten Stimmen mehr geben. Denn Elif Shafak verleiht ihren Protagonisten, den am Rande der türkischen Gesellschaft lebenden Menschen, eine laute und eindringliche Stimme.

Ausgehend von Leilas Ermordung erzählt die Schriftstellerin das Leben der Prostituierten und ihrer Freunde. Leila wollte sich durch ihre Flucht aus dem Elternhaus nach Istanbul vor einer arrangierten Ehe retten. Doch statt eines selbstbestimmten Lebens geriet sie in die Fänge skrupelloser Zuhälter und Bordellchefinnen.

Ähnlich erging es ihren fünf Freunden in Istanbul: Transfrau Nalan hätte in seiner anatolischen Heimat weiter als Mann leben müssen. Auf der Flucht vor dem falschen Leben landet er in Istanbul, wo er zwar seine Weiblichkeit ausleben kann, aber nur am Rande der Gesellschaft.

Sinan wuchs als Einzelkind eines Soldaten und einer Apothekerin in einer fortschrittsgläubigen Familie auf. Sein Leben lang hatte er das Gefühl, seine Mutter zu enttäuschen. Ein Gefühl, das sich nach dem Tod des Vaters noch verstärkte. In der Nachbarstochter Leila fand er eine Seelenverwandte, der er als Erwachsener nach Istanbul folgte.

Jamila stammte aus Mogadischu. Ihr Vater war Muslim, ihre Mutter Christin. Nach dem frühen Tod der Mutter fühlte sich Jamila zum Christentum hingezogen, was ihrer Stiefmutter ein Dorn im Auge war. Um der für sie immer unerträglicheren Situation zu entkommen, glaubte sie an die Gerüchte, dass man in Istanbul junge somalische Frauen als Dienstmädchen suche. Auch sie landete in einem Bordell.

Die kleinwüchsige Zaynab wurde im Libanon geboren. Mit dem Segen ihrer Familie verließ sie den Libanon, um einen eigenen Weg jenseits einer traditionellen Familie gehen zu können. Sie entschied sich für Istanbul, weil der Mann ihrer Träume dort lebte. Doch sie fand lange keine Arbeit und nahm schließlich einen Job als Putzfrau in einem der Bordelle, in dem Leila gearbeitet hatte, an.

Humeyra stammte von der syrisch-türkischen Grenze. Mit 15 wurde sie bereits verheiratet. Ihr Mann schlug sie und ihre Schwiegereltern behandelten sie wie eine Dienstmagd. Die Situation wurde immer unerträglicher, aber ein Zurück zu den Eltern gab es nicht. Also trat auch sie die Flucht nach Vorne, nach Istanbul an.

Elif Shafak versammelt in ihrem Buch AußenseiterInnen, die – und das ist das wirklich erschreckende – heute genauso wie in den 60er- und 70er-Jahren, in denen der Roman spielt, von der Gesellschaft nicht akzeptiert werden.

Kein & Aber Verlag, ISBN 9783036957524

Hinweis: Vielen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar! Die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars hat keinerlei Einfluss auf meine Rezension.

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