Etgar Keret: Die sieben guten Jahre. Mein Leben als Vater und Sohn

Etgar Keret gehört seit Jahren zu den erfolgreichsten israelischen Schriftstellern. Ein kluger Humor und eine scharfe politische Analyse kennzeichnen seine Werke. Zwei Besonderheiten weist sein jüngstes in Deutschland veröffentlichtes Buch "Die sieben guten Jahre. Mein Leben als Vater und Sohn" auf: Es gewährt intime Einblicke in das Leben des Autors und es ist aus dem Englischen - nicht aus dem Hebräischen - ins Deutsche übersetzt worden, übrigens von Daniel Kehlmann.

In 32 Geschichten schildert der Autor persönliche Erlebnisse aus den ersten sieben Jahren, die er als Vater erleben durfte, und den letzten gemeinsamen Jahren mit seinem Vater. Der Autor lebt mit Frau und Kind in Israel, ist aber viele Monate im Jahr unterwegs auf Lesereisen auf den Buchmessen und Literaturfestivals der Welt. Dementsprechend spielen einige Erzählungen in Israel. Andere Geschichten führen in die von der Shoah geprägte Vergangenheit von Etgars Eltern oder in die teils bizarre Gegenwart, die Etgar auf seinen Lesereisen als Botschafter Israels oder als Jude erfährt.

"Nichts bringt so sehr den inneren Juden zum Vorschein wie ein paar Tage Osteuropa" - so lautet der Eingangssatz der Erzählung "Verteidiger des Volkes", die sich um die Frage nach Wirklichkeit und Wahrnehmung dreht. Nimmt man den Antisemitismus in Osteuropa nur stärker wahr, weil man bereits als Schulkind in Israel von den jahrhundertelangen Verfolgungen gehört hat, oder ist der Antisemitismus in Osteuropa wirklich stärker ausgeprägt? Fazit: "Nur weil du paranoid bist, heißt das noch nicht, dass keiner hinter dir her ist."

Unvergesslich ist die Geschichte vom Pastrami-Sandwich, das die Familie bei Raketenalarm auf der Autobahn bildet. Das israelische Militär empfiehlt, im Falle eines Alarms, am Seitenstreifen anzuhalten, auszusteigen und sich hinzulegen. Um ihren sieben Jahre alten Sohn nicht noch mehr zu erschrecken, spielen Etgar und seine Frau ein Pastrami-Sandwich. Etgars Frau legt sich auf den Boden der Autobahn als Unterseite des Sandwichs, ihr Sohn Lev darf die Pastrami-Scheibe geben und Etgar legt sich als Oberseite drauf. Noch lange nach dem Ende des Alarms halten sie sich auf diese Weise umschlungen.

Herzergreifend ist auch die Erzählung "In meines Vaters Fußspuren". Kurz nach dem Tod seines Vaters will Etgar in die USA fliegen. Einen Tag vor dem Abflug verletzt sich Etgar beim Versuch, seinen Sohn zu schützen. Als er gut versorgt wieder aus dem Krankenhaus nach Hause kommt, entspinnt sich ein wunderbarer Dialog zwischen Vater und Sohn an dessen Ende fragt Lev schließlich "Was ist mit dir? Wer bechützt dich jetzt, wo Opa tot ist?".

Alle Geschichten durchziehen ein leiser Humor, eine tiefe Traurigkeit und viele kraftvolle Glücksmomente.

Wer sich auf eine differenzierte Wahrnehmung der innerisraelische Gegenwart einlassen möchte, dem sei dieses mit Herz und Hirn gesegnete Buch ausdrücklich empfohlen.

S. Fischer Verlag ISBN 9783104017075

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Veröffentlicht unter Belletristik, Israel

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