Eugen Ruge: Metropol

„Ich sehe was, was du nicht siehst. Das Spiel hast du mir beigebracht. Ich sehe was, was du nicht siehst, und das ist: Deine Kaderakte, Charlotte“, das ist einer der Schlüsselsätze aus Eugen Ruges jüngstem Werk „Metropol“. Charlotte ist seine Großmutter und das Buch ein Versuch, das Geheimnis der Großmutter zu lüften.

1956 siedelten Eugen Ruges Eltern nach langen Jahren in sibirischen Lagern mit dem damals Zweijährigen von der UDSSR in die DDR um. Dort trafen sie auf Großmutter Charlotte, die der kleine Eugen Ruge die „mexikanische Großmutter“ nannte, weil sie während der Nazizeit in Mexiko mit ihrem zweiten Mann gelebt hatte. Wenn Eugens Vater von seinen Lagererlebnissen erzählen wollte, hielt sich Charlotte – immerhin seine Mutter – die Ohren zu, so schildert es Eugen Ruge in den letzten Zeilen seines biografisch inspirierten Romans. Kein Wunder, dass sich der Enkel auf die Spurensuche begibt.

Die Spuren führen ihn zunächst in das Russische Staatsarchiv nach Moskau und damit zur Kaderakte der Lotte Germaine, alias Charlotte, einer Mitarbeiterin der 1919 gegründeten Kommunistischen Internationalen, kurz Komintern genannt. Ziel der Komintern war der Sturz des Kapitalismus, die Errichtung der Diktatur des Proletariats und einer internationalen Sowjetrepublik. Zu den Instrumenten gehörten nachrichtentechnische Methoden und die Liquidierung Andersdenkender.

Mittels der Kaderakte versucht Eugen Ruge, das Leben von seiner Großmutter Charlotte in den Jahren 1936 bis 1938 zu rekonstruieren. „Ich erfinde, ich unterstelle, ich probiere aus, denn nichts anderes heißt Erzählen: Ausprobieren, ob es tatsächlich so gewesen sein könnte“, schreibt er im Schlusskapitel. Im Buch lässt er abwechselnd Lotte Germaine, ihre Kollegin Hilde sowie einen ihrer Gegenspieler, den Vorsitzenden des Militärkollegiums des Obersten Gerichts der UDSSR, Wassili Wassiljewitsch Ulrich, zu Wort kommen. Der Clou dabei: Der Richter ist ebenso wie Charlotte im Hotel Metropol untergebracht.

In dem einstigen Luxushotel wohnen sowohl hohe Kader als auch von ihren Aufgaben freigestellte ehemalige Funktionäre. Letztere warten auf ihr Urteil, auf Verhaftung oder Rehabilitierung.

Meisterhaft gelingt es Ruge mit seiner Mischung aus historisch belegten Tatsachen und Fiktion, die Menschen zwischen bangen und hoffen, verzweifeln und verraten zu schildern. Das Buch liest sich trotz seines historischen Tiefgangs wie ein Krimi. Aus jeder Zeile des Buches lässt sich die Verzweiflung des Autors herauslesen, angesichts seiner Großmutter, die bis zu ihrem Tod 1986 an der Idee des Kommunismus festhielt.

Rowohlt Verlag ISBN 987 3 644 003682