Eva Baronsky: Magnolienschlaf

Demographischer Wandel - heißt das bürokratische Schlagwort. Immer mehr Menschen sind immer älter und brauchen immer mehr Pflege. Wie bewältigen die Familien die Pflege ihrer Angehörigen? Eine der vielen wichtigen Fragen, denen Eva Baronsky in ihrem Roman "Magnolienschlaf" nachgeht.

Sie suchen sich Unterstützung. Krankenschwestern und Pflegerinnen (die weibliche Form ist hier angebracht) aus den Ländern des ehemaligen Ostblocks ziehen als Untermieter ein und kümmern sich um die bedürftigen Menschen. Sieben Tage die Woche und 24 Stunden am Tag sind sie für ihre Schützlinge da. Für die älteren Menschen sind es Fremde, die sie waschen, kämmen und füttern. Das nichtdeutsche Pflegepersonal schuftet ohne Pause.

Das wissen wir doch alle! Ja, sicher. Wir wissen auch, dass es für beide Seiten nicht sehr würdevoll ist. Viel schwerer wiegt aber noch der Aspekt, den Eva Baronsky in ihrem schmalen Buch vortrefflich herausarbeitet.

Die 91-jährige Wilhelmine hat ein Kriegstrauma. Ihr Mann fiel in Russland, wofür sie allein die "Russen" verantwortlich macht. Und sie hat in den letzten Kriegstagen ihre Tochter vergiftet, um sie vor den erwarteten Schändungen der Sowjetsoldaten zu schützen. Ihre Schuld kann auch das Schweigen, das sie sich auferlegt hat, nicht tilgen.

Und woher stammt ihre Pflegerin Jelisaweta? Erraten: Aus Russland. Alle Vorurteile treffen die junge Frau wie Peitschenhiebe. Dies gilt um so mehr, als sie selber ein Trauma hat. Ihre Großmutter wurde von deutschen Soldaten vergewaltigt. Ihre Mutter war ein "Balg" in den Augen der Dorfbewohner.

Sensibel, genau und wortgewaltig beschreibt die Autorin den Konflikt der beiden leidenden Frauen.

Aufbau Verlag 2011, ISBN 978 3 351 03338 5

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Veröffentlicht unter Belletristik, Deutschland

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