Gestern, Heute, Morgen: Neue Wege. Leipziger Impulse für die Deutsche Einheit

Jeder Umbruch wird von der jeweiligen Generation als Mutter aller Umbrüche wahrgenommen. Umso erhellender ist gerade in Corona-Zeiten die Lektüre des Buches „Gestern, Heute, Morgen: Neue Wege. Leipziger Impulse für die Deutsche Einheit“, herausgegeben von Katharina Hitschfeld, Uwe Hitschfeld und Christoph Bigalke.

30 Jahre nach der Wiedervereinigung oder besser nach dem Beitritt der DDR in die Bundesrepublik Deutschland beschreiben Zeitzeugen und Macher die Jahre des Umbruchs und der Ungewissheiten. Gewiss war: das Ende der DDR, der Fall der Mauer und das Hinausjagen der durch Wahlbetrug bei den Kommunalwahlen am 6. Mai 1989 an die Macht gekommenen.

Was jetzt? Wie Entscheidungen treffen, wenn es keine gewählten Vertreter gibt und es Monate dauern wird, faire Wahlen vorzubereiten? Runde Tische wurden gebildet, auf deren Grundlage eine „interaktive Demokratie“ entstand, wie Wolfgang Tiefensee sein Kapitel im Buch überschreibt. Heute heißt das Zauberwort Partizipation – egal wie wir es nennen, die Proteste angesichts der Corona-Verordnungen zeigen erneut: Politik kann nicht über die Köpfe der Bürger hinweg entscheiden, muss Formen ernsthafter Bürgerbeteiligung finden und leben.

Ein weiser Schachzug und nachhaltiger Segen für die Leipziger Stadtpolitik war das von Hinrich Lehmann-Grube vorgelebte und damals revolutionäre  „Leipziger Politikmodell“, also die parteiübergreifende Zusammenarbeit ohne starre Einteilung in Regierung und Opposition sowie ohne Fraktionszwang.

Woher kommen der Strom und das Wasser, wenn es keine kommunalen Versorgungsstrukturen gibt? Wer bringt den Müll weg? Die kommunale Selbstverwaltung ist für uns eine Selbstverständlichkeit, gab es aber in der DDR nicht. Erst ab 1990 wurde daran gearbeitet, die Darseinsvorsorge in die Verantwortung und unter der Regie der Kommunen aufzubauen.

Die Autoren verschweigen aber auch nicht die negativen Folgen der Veränderungen. So ist ein Kapitel der Deindustrialisierung und damit dem Verlust von 100.000 Industriearbeitsplätzen nur in Leipzig gewidmet. Was für massive Auswirkungen das für die einzelnen Menschen und die Stadtgesellschaft hatte, wird hier ebenso thematisiert wie die Probleme der NVA-Soldaten bei der Eingliederung in die Bundeswehr. Das Kapitel über die Zusammenführung der beiden Armeen „Ein Staat – eine Armee“ von Generalmajor a.D. ist voller Verständnis und Wertschätzung für die ehemaligen NVA-Soldaten geschrieben. Hochspannend ist auch das Kapitel von Uwe Hitschfeld über die Hintergründe des Kampfes gegen den die Städteplanung lähmenden Grundsatz „Rückgabe vor Entschädigung“.

Die insgesamt 20 Kapitel geben einen tiefen Einblick in die komplexen Umbauprozesse in der ersten Hälfte der 90er-Jahre. Sie geben aber auch Auskunft über verpasste Chancen. Sehr erhellend sind auch die klugen und emphatischen Tagebucheinträge von Ursula Lehmann-Grube, die sich wie ein Kommentar jede Seite des Buches durchziehen. Die Fotos von Christoph Bigalke aus den Anfängen der 90er-Jahre runden den Eindruck des Buches perfekt ab.

Obwohl ich schon 27 Jahre in Leipzig lebe, viele Aktionen und Akteure der Zeit kenne, war die Lektüre ein großer Erkenntnisgewinn und eine Motivation, die beiden großen aktuellen Umbrüche – die COVID-19-Pandemie und die Klimakatastrophe – gemeinsam mit Vernunft und Gefühl zu bewältigen.

Verlag J.H.W. Dietz Nachf. ISBN 9783801205836

 

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