GORAN VOJNOVIĆ: VATERS LAND

Im letzten Sommer reiste ich wie viele hunderttausende Urlauber nach Kroatien. Glänzende Fassaden, sonnige Kulissen und Kommerz für Massentouristen prägten das Bild. Dennoch verging kein Tag, an dem ich nicht an die kriegerischen Auseinandersetzungen in Kroatien und Slowenien dachte, die in Folge ihrer jeweiligen Unabhängigkeitserklärungen vor 25 Jahren aufflammten. Wie können die Menschen auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien nach all den Greultaten miteinander leben?

Kaum. Und besonders schwer scheint es den Nachgeborenen zu fallen. Sie können kaum nachvollziehen, wie Menschen zu Mördern wurden und sich im Anschluss wieder in Mitbürger verwandeln. An welcher Stelle wird aus dem liebenden Vater ein Schlächter? Wie groß ist der Mörderanteil in mir? Diese Fragen stellt sich der Protagonist des Romans "Vaters Land" von Goran Vojnović.

Der junge Mann wächst in Pula, heute eine Stadt in Kroatien, auf. Seine Mutter stammt aus Ljubljana, die heute zu Slowenien zählt. Sein Vater ist Offizier in der Jugoslawischen Armee. Bis zum Jahr 1991 erlebt der Junge eine wunderbare Kindheit. Er fühlt sich geborgen in der Familie und im Freundeskreis. Doch dann in den Wirren der Auflösung Jugoslawiens erhält der Vater einen Marschbefehl nach Belgrad. Die Familie muss ihm folgen, obwohl es keine Wohnung für sie gibt. Also ziehen Mutter und Sohn fort zu Verwandten nach Novi Sad. Obwohl die Verwandten des Vaters sie mit offenen Armen aufnehmen, steht die Familie ganz auf der Seite der Serben und verachtet Kroaten oder Slowenen.

Vom Vater hören Mutter und Sohn immer weniger. Er scheint sich nicht nur räumlich immer stärker zu entfernen. Irgendwann gibt die Mutter auf und zieht zurück nach Ljubljana zu ihren Eltern. Dort baut sie sich eine neue Existenz auf und erzählt dem Sohn, dass der Vater im Krieg gefallen sei.

Als Erwachsener spürt der mittlerweilie junge Mann der Geschichte seines Vaters nach. Eine Suchmaschine und ein paar Clicks genügen, um den Vater auf Fotos und Geschichten über einen Kriegsverbrecher zu entdecken.

Lebt der Vater? Versteckt er sich? Ist er schuldig? Fühlt er sich schuldig? Was wiegt schwerer? Vater oder Kriegsverbrecher?

Ungemein fesselnd erzählt Goran Vojnović die Geschichte des jungen Mannes auf der Suche nach seinem Vater und sich selber. Es ist zugleich die Geschichte des Balkans.

Danke, liebes Traduki-Teams, dass ihr das Heben solcher literarischer Schätze möglich macht.

TransferBibliothek Folio Verlag ISBN 9783990370568

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Veröffentlicht unter Belletristik, Kroatien, Serbien, Slowenien

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