Hanns-Josef Ortheil: Die Erfindung des Lebens

Die Hauptfigur in Hanns-Josef Ortheils "Erfindung des Lebens" ist ein Junge, der allein mit seinen Eltern im Nachkriegs-Deutschland aufwächst. Seine drei älteren Brüder sind vor seiner Geburt gestorben. Die Mutter beschließt in ihrer Verzweiflung, nicht mehr zu sprechen. Da Mutter und Sohn eine schwierige Symbiose entwickeln, verfällt auch der Junge in eine selbst gewählte Stummheit. Erst der missglückte Schulstart macht den Eltern die Isolation ihres Sohnes bewusst.

Stück für Stück gelingt es dem Vater, seinen Sohn aus dieser Isolation in ein lebensfrohes Leben zu führen. Auf diesem Weg zeigt der Junge zwei herausragende Talente. Er hat ein außergewöhnliches Gespür für Wörter und für das Klavierspiel. Nur das zweite Talent nehmen alle wahr und so verfolgt er das Karriereziel Konzertpianist. Während des Studiums zwingt ihn eine Sehnenscheidenentzündung zur Aufgabe dieses Ziels. Das stürzt ihn in eine tiefe Krise, aus der er erst heraus kommt, als er sein zweites Talent, das Schreiben, erkennt. So wird er ein erfolgreicher Schriftsteller. Doch fehlt ihm das Liebesglück. Dieses erfährt er als Mann im besten Alter, als er ein Buch über seine Kindheit schreibt.

Ortheil zeigt die tiefen Wunden der Nachkriegsgeneration und ihren manchmal schon verzweifelten Versuch, diese zu verschließen. Wenigstens im Roman gibt es Heilung. Für mich ist das Buch ein starkes Stück deutscher Gegenwartsliteratur.

Luchterhand Literaturverlage in der Verlagsgruppe Random House 2009, ISBN 9783630872964

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Veröffentlicht unter Belletristik, Deutschland
5 Kommentare auf “Hanns-Josef Ortheil: Die Erfindung des Lebens
  1. Ruth Justen sagt:

    Ein ganz außergewöhnliches und wichtiges Buch. Sollte jeder gelesen haben!

  2. Jana sagt:

    Danke für die Empfehlung. Das klingt wirklich sehr gut!

  3. christine sagt:

    liebe ruth, über die jahre habe ich mich von einer vielleserin zu einer genussleserin entwickelt und dieses buch eignet sich genau dafür hervorragend.
    zum einen erzählt es etwas, was ich so ähnlich aus meiner eigenen geschichte kenne, das aufwachsen in einer traumatisierten familie mit toten kindern in der nachkriegszeit; wie immer tut so ein wiedererkennen gut, das wissen, nicht allein zu sein mit einer solchen erfahrung, sondern einfach nur ein kind der zeit. zum anderen begeistert mich der klang in diesem buch, der klang der worte, die er findet, um die stille und den klang im leben zu beschreiben, die inneren bilder, die entstehen, wenn man sich tief auf das hören einlässt und das beobachten der eigenen inneren reaktion auf die eindrücke, die die klänge hinterlassen und was es schließlich für ein akt ist, all dieses innere erleben auch nach außen zu bringen. der genuss des buches beginnt für mich schon mit dem klang des namens des autors, nomen est omen und er hält wort.

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