Harald Jähner: Wolfszeit

Zugegeben, ich bin keine große Sachbuchleserin mehr. Aber die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg sind zu wichtig, als das ich mir ein preisgekröntes Sachbuch zum Thema entgehen lassen würde. Immerhin erhielt Harald Jähner für sein Buch "Wolfszeit - Deutschland und die Deutschen 1945 - 1955" den Preis der Leipziger Buchmesse 2019 in der Kategorie Sachbuch.

Die groben Eckdaten der deutsch-deutschen Nachkriegszeit sind uns allen bekannt. Was das Buch "Wolfszeit" aber so lesenswert macht, ist der Versuch des Autors, eine Art "Mentalistätsgeschichte" zu schreiben. Er zählt nicht einfach nur die puren historischen Ereignisse und passenden Daten wie die Anzahl der Geflüchteten, Vertriebenen, Displayed Persons, ehemaligen Zwangsarbeitern oder Kriegsgefangenen auf. Er verknüpft diese Fakten und Daten mit ihren faktischen und vor allem ihren emotionalen Auswirkungen auf die Gesellschaft. Das ist der wahre Erkenntnisgewinn bei der Lektüre.

Wir alle haben das Bild der Trümmerfrau im Kopf, deren Mann entweder Tod oder in Gefangenschaft ist. Sie bringt sich und ihre Kinder durch die Hungerjahre der Nachkriegszeit. Doch was macht es mit den Männern, wenn sie nach dem verlorenen Krieg und oft auch dem Verlust der Gesundheit nach Hause kehren und dort eine eigenständige und das Familienleben bestimmende Frau vorfinden? Wie kommt es, dass die Frauen in Westdeutschland ihren Platz in der Familie und in den Betrieben schon in den Fünfzigerjahren zugunsten des Vorkriegsfrauenbildes wieder geräumt hatten? Kann das auch damit zusammenhängen, dass in den Fünfzigerjahren die alten Nazis mit dem Segen der Westalliierten wieder in die Amtsstuben und Betriebsleitungen zurückkehren konnten? Warum schwiegen so viele Millionen von vergewaltigten Frauen über die Untaten der Soldaten? Oder fingen sie erst an zu schweigen, als immer mehr ihrer Männer wieder das familiäre und das öffentliche Leben bestimmten? Ist die Bevölkerung in Mecklenburg-Vorpommern, die nach 1945 zur Hälfte aus Geflüchteten aus den ehemaligen Ostgebieten bestand, nicht anders geprägt als die anderen Bundesländer mit einem Anteil von Geflüchteten von zehn oder 15 Prozent?

Harald Jähner wirft mit seinem Buch viele spannende Fragen auf. Ob all seine Schlüsse historisch korrekt sind, weiß ich natürlich nicht. Aber vielleicht nimmt sich der eine oder andere Zeithistoriker den Fragenkatalog vor und arbeitet ihn wissenschaftlich ab. Ich würde auch ein solches Werk gern lesen.

Rowohlt Berlin ISBN 9783737100137

Getagged mit: , ,
Veröffentlicht unter Belletristik, Deutschland
Folgen Sie Ruth liest
Im lokalen Buchhandel bestellen: genialokal.de