Heinz Strunk: Der goldene Handschuh

Fritz Honka, der Hamburger Frauenmörder, steht im Mittelpunkt von Heinz Strunks Roman „Der goldene Handschuh“. Warum widmet man einem Mörder, der seine Opfer bestialisch gequält hatte, ein Buch? Und warum sollte man ein solches Werk unbedingt lesen? Weil Heinz Strunk Fritz Honkas Taten nur zum Anlass nimmt, die Gewalt, die in der Hamburger Stadtgesellschaft der 70er-Jahre herrscht, aufzuzeigen.

Der goldene Handschuh heißt die Stammkneipe von Fritz Honka. Die Kneipe zieht die kaputtesten Nutten, Alkoholiker und sonstige Abgestürzte magisch an. Aus diesem Pool rekrutiert Fritz Honka seine Frauenbekanntschaften. Sie alle haben keinerlei Hoffnung, Perspektive oder auch nur Willen mehr und so lassen sie sich auf ihn und seine brutalen Erniedrigungen ein. Er fordert die totale Unterwerfung von ihnen. Wann immer er es schafft, für längere Zeit mit einer Frau zusammenzuleben, „enttäuscht“ sie ihn früher oder später. Sobald die Frauen die totale Unterwerfung verweigern und sie nicht rechtzeitig verschwinden können, ermordet und verstümmelt er sie.

Heinz Strunk hat keinen Sozialroman voller Verständnis für den Täter geschrieben. Er beschreibt lediglich die kaputten Gestalten, die die Stadt bevölkern. Zum Personal des Romans gehört daher auch die Unternehmerfamilie von Dohrens mit Wilhelm Heinrich dem Ersten (79), Kriegsverbrecher und daher im Ruhestand, Wilhelm Heinrich dem Zweiten (57), der aktuell die Geschicke der Firma leitet, und Wilhelm Heinrich dem Dritten (17), der in der schlimmsten Phase der Adoleszenz steckt. Oder der Rechtsanwalt Karl von Lützow, Bruder von Margot von Dohrens (52), erfolgreich, alkoholkrank und süchtig nach schnellem käuflichen Sex.

Ob unten oder oben auf der gesellschaftlichen Leiter: Das Personal in Heinz Strunks Roman ist durch und durch krank, kaputt und kalt. „A Pain in the Ass“ sind der Stoff und das Werk selbst. Entsprechend schmerz- stellenweise sogar qualvoll fällt die Lektüre aus. Für diese grandiose Darstellung der tiefen menschlichen Abgründe lohnt die Lektüre dennoch. Warum hat dieses Werk 2016 keinen der wichtigen Preise erhalten? God knows. 

Rowohlt Verlag ISBN 9783644050815

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Veröffentlicht unter Belletristik, Deutschland
2 Kommentare auf “Heinz Strunk: Der goldene Handschuh
  1. God knows 😀 Das ist lustig. Ich trau mich nicht so richtig ran ans Buch. Aber Deine Rezi hat mein Interesse um einiges gesteigert. Liebe Grüße Susanne

    • Birgit sagt:

      Da geht es mir ebenso wie Susanne – ich hab auch nicht die richtige Traute, auch wenn ich von einigen gehört habe, wie überzeugend es ist. Deine Rezension gibt natürlich noch mal einen Kick in die Richtung. Liebe Grüße Birgit

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