Helga Schubert: Vom Aufstehen

Alljährlich reise ich persönlich oder in Gedanken per Liveübertragung im Fernsehen zu den Tagen der deutschsprachigen Literatur nach Klagenfurt. Der Literaturwettbewerb hat alles, was ich mir von der Buchcommunity wünsche: literarische Neuentdeckungen und leidenschaftliche Streitgespräche unter sonnigem Himmel. Im letzten Jahr brillierte die 80-jährige Helga Schubert mit der Erzählung „Vom Aufstehen“, für die sie den Ingeborg-Bachmann-Preis 2020 erhielt. Nun ist der gleichnamige Band „Vom Aufstehen“ bei dtv erschienen und gleich für die nächsten Preise nominiert worden. Zu Recht!

„Ein Leben in Geschichten“ lautet der Untertitel – in 29 Geschichten entfaltet die Autorin und Psychotherapeuten die eigene Familiengeschichte, wobei zur Wahrheit immer auch die Dichtung gehört.

Vor allem arbeitet sie sich an ihrer gefühlskalten Mutter ab, schildert aber auch deren schweren Weg als Witwe auf der Flucht vor den herannahenden russischen Truppen und später als alleinerziehende Berufstätige in der DDR. Damit legt sie einen Finger in die noch immer viel zu wenig beachtete Wunde der beiden Nachkriegsdeutschlands: Die Kriegstraumata der Elterngeneration wirkte sich massiv auf die Generation der Kriegs- und Nachkriegskinder aus und man schwieg darüber hüben wie drüben.

Zu dem schweren Erbe dieser Generation gehört auch das vierte Gebot „Ehre deinen Vater und deine Mutter.“ Wie aber eine Mutter ehren oder wie es in manchen Übersetzungen heißt „lieben“, wenn deine Mutter dir keine Liebe zeigt oder zeigen kann? Mit den 29 Geschichten, in denen die Mutter mal mehr, mal weniger auftaucht, ehrt Helga Schubert ihre Mutter auf unvergleichliche Weise. Es ist ein Abschiedsgeschenk an Mutter und Tochter gleichermaßen und zugleich ein Zeitdokument, dass wesentliche Teile der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts in kleinen, feinen Erzählungen beleuchtet.

Und so geht in der letzten – der titelgebenden Geschichte „Vom Aufwachen“ – darum, jeden Tag wieder aufzuwachen und sich dem neuen Tag mit den alten und manch neuen Plagen zu stellen.

dtv Verlagsgesellschaft ISBN 9783423438971

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