Helmut Böttiger: Die Gruppe 47 – Als die deutsche Literatur Geschichte schrieb

Ob Europas größtes Lesefest "Leipzig liest" oder das Internationale Lesefest "Lit.Cologne" - gigantisch, weltumspannend und laut präsentiert sich die Literaturszene in Deutschland. Die Wahrnehmung in den Medien ist ebenso riesig. Sonderbeilagen über Sonderbeilagen erscheinen in den Printmedien. Berichte in der Tagesschau oder bei heute sind ebenso Standard wie Beiträge in den Tagesthemen und in sämtlichen kulturaffinen Fernseh- und Hörfunkformaten. Woher kommt diese Inszenierung von Literatur und Literaten?

Von der Gruppe 47, so die These von Helmut Böttiger. Nach dem Ende des 2. Weltkriegs musste sich auch die deutschsprachige Literaturszene neu erfinden. Im Jahr 1947 traf sich erstmals ein Kreis von Schriftstellern. Zu dem Kreis, der sich Gruppe 47 nannte, gehörten Schriftsteller, die sich als innere Emigranten bezeichneten, ebenso wie junge Autoren, die als völlig unbelastet galten, oder Autoren, die die Diktatur unterstützt hatten. Die Idee des Gruppentreffens: Die Autoren präsentieren ihren Kollegen die jeweils neuesten Werke in Auszügen und stellen sich einer anschließenden Diskussion.

Anfangs waren die Schriftsteller unter sich und so fiel die Kritik harsch und direkt aus. Sehr schnell entwickelten sich die meist zweimal jährlich stattfindenden Treffen zum Anziehungspunkt für die Medien und vor allem für die Literaturkritiker der überregionalen Zeitungen. Stars wurden hier gemacht und manchmal wurden die Sterne schnell wieder vom Himmel geholt. Denn Verträge mit Verlagen konnten platzen, wenn die Kritik in den Runden zu negativ ausfiel.

Kein Wunder, dass sich die deutschsprachigen Schriftsteller immer weniger diesen an Gladiatorenkämpfen erinnernden Treffen beteiligen wollten. Die letzte jährliche Tagung der Gruppe 47 fand 1967 statt.

Was von der Gruppe 47 blieb, ist ein gigantischer Literaturbetrieb mit fast schon heiligen Stars wie Martin Walser oder Günter Grass, und mit Literaturkritikern, die teils berühmter wurden als die Schriftsteller selbst.

Ein Betrieb, der sich im Übrigen durch den Siegeszug des E-Books und des Selbstpublishing in einem ähnlich dramatischen Umbruch befindet wie 1947.

Helmut Böttiger ist mit seinem Buch ein wunderbarer und für ein Sachbuch extrem leicht und spannend zu lesender Einblick in die deutsche Literaturgeschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gelungen. Ein Muss für alle Litaraturinteressierten.

Deutsche Verlags-Anstalt ISBN: 9783641094706

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Veröffentlicht unter Belletristik, Deutschland

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