Hildegard E. Keller: Was wir scheinen

Selten hat mich ein Roman sprachlich wie inhaltlich so begeistert wie „Was wir scheinen“ von Hildegard E. Keller.

Dabei hätte ich vorgewarnt sein können. Die Schweizer Autorin, Literaturwissenschaftlerin und Literaturkritikerin gehörte von 2019 bis 2019 der Jury des Ingeborg-Bachmann-Preises bei den Tagen der Deutschen Literatur in Klagenfurt an. Zweimal hatte ich die Ehre, sie vor Ort zu erleben, ihren präzisen Kommentierungen der Wettbewerbstexte zu lauschen. Dennoch, es ist eine Sache, andere zu kritisieren und eine andere Sache, selber kreativ zu sein. Wie sehr Hildegard E. Keller die deutsche Sprache beherrscht, beweist ihr Roman über das Leben und Wirken von Hannah Arendt.

In zahlreichen Artikeln, Reden, Büchern und veröffentlichten wie archivierten Briefen hat die 1906 in Deutschland geborene Publizistin Hannah Arendt ihre Gedanken zum 20. Jahrhundert geäußert. Insofern standen Hildegard E. Keller zahlreiche Quellen für den Roman zur Verfügung. Tatsächlich gibt es ganze wörtlich zitierte Passagen aus Briefen oder Artikeln. Geschickt verwebt die Autorin diese Zitate mit der teils bezeugten, teils fiktiven Gedanken- und vor allem Gefühlswelt der berühmten Zeitzeugin, die gleichzeitig als Ich-Erzählerin des Romans fungiert.

Aus der Rückschau lässt Hildegard E. Keller Hannah Arendt von ihrem Leben als junge Frau in Deutschland, von der Flucht zunächst nach Frankreich, dann über Lissabon in die USA, von den Freundschaften etwa mit Walter Benjamin, Karl Jaspers, Gershom (Gerhard) Sholem oder Martin Heidegger erzählen. Selbstverständlich berichtet sie auch von ihren Eindrücken des Eichmann-Prozesses 1961 in Jerusalem und ihrem berühmten Buch „Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen“ samt dem darauffolgenden damals noch analogen Shitstorms.

Wer sich für die Geistesgeschichte des 20. Jahrhunderts interessiert, sollte diesen Roman nicht verpassen!

Eichborn Verlag in der Bastei Lübbe AG ISBN 9783847900665

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