Ines Geipel: Die Tochter des Diktators

Selten hat mich ein Roman so stark gefesselt wie „Die Tochter des Diktators“ von Ines Geipel. Die 1960 geborene Autorin erzählt von der Liebe in Zeiten der Willkür, von der Liebe von Beate Ulbricht und Ivano Matteoli.

Beate Ulbricht war die Adoptivtochter von Walter und Lotte Ulbricht. Genau. Gemeint ist jener Walter Ulbricht, Vorsitzender des Staatsrates der DDR (1960-1973), der die Mauer 1961 bauen ließ. Mit der gleichen Gnadenlosigkeit, mit der er sein Volk einsperrte, um seine Macht zu sichern, behandelte er auch seine Tochter.

Beate hatte sich zum Ärger ihrer Eltern beim Studium in Leningrad in den italienischen Kommunisten Ivan Matteoli verliebt. Eine Liebe über die Staatsgrenzen der DDR war nicht im Sinne der Führung. Zumal die beiden Liebenden ihre gemeinsame Tochter, wenn schon nicht in Italien, dann wenigstens in Leningrad groß ziehen wollten. Nach Ivanos Abreise nach Leningrad verhinderten die Ulbrichts Beates Ausreise nach Leningrad und Ivanos erneute Einreise in die DDR. Beate gab irgendwann dem Druck nach und verlangte von Ivano die Scheidung, heiratete erneut, wurde nochmals Mutter und wieder geschieden. Das am Ende ihre herzlose Mutter ihre Kinder erziehen durfte, dürfte ihr den Rest Lebensmut genommen haben.

Diese Geschichte, die durch die Aktenlage belegt ist, ist schon ungeheuerlich genug. Die Autorin gibt den Fakten aber eine besondere Tiefe, indem sie die Geschichte der Liebenden aus der Perspektive einer dritten unerfüllten Liebe erzählt, der Liebe von Anni. Anni ist mit Ivano im italienischen Dorf Cigoli aufgewachsen. Er war die Liebe ihres Lebens. Dieser erzählerische Kniff erlaubt es Ines Geipel auch über die politische Entwicklung Italiens in den 60er- bis 90er-Jahren zu schreiben.

Sprachlich, erzählerisch und politisch ist „Die Tochter des Diktators“ ein unbedingt lesenswerter Roman.

Klett-Cotta ISBN 9783608109863

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